Streuobstwiese in Nürtingen

Auch wirtschaften ist unsere Kultur!

Herkunft und Geschichte der Streuobstwiesen Europas

Streuobstwiesen – der Inbegriff von Ruhe und Erholung in Kombination mit Kultur und naturnaher Bewirtschaftung. Doch wie weit reicht ihre Geschichte zurück? Und warum finden sich immer weniger dieser schönen Landschaften in Deutschland und Europa? Das hängt mit der Herkunft der Streuobstwiesen zusammen. Ihren Ursprung hat diese Form der Bewirtschaftung bereits früh in der Jungsteinzeit. Durch Kriege, Eroberungen und verschiedene Herrscher fand sie langsam Aufschwung. Doch die Blütezeit der Streuobstwiesen ist vorbei. Mittlerweile ist ihr Erhalt fast ausschließlich dem Natur- und Kulturschutz zu verdanken.

Von Jägern und Sammlern

In der Jungsteinzeit waren Obstbäume kein Bestandteil der geplanten Landwirtschaft. Äpfel, Birnen, Beeren und Nüsse waren zwar Bestandteil des Speiseplans, wurden jedoch von wild wachsenden Baum- und Straucharten gesammelt. Noch heute sind unsere Wälder voll mit wilden Beeren und Nüssen.

Die Römer als Bindeglied des Wissens

In der römischen Kaiserzeit um Christi Geburt brachten die Römer erste Zuchtformen nach Europa. In Persien, Indien, Ägypten und Griechenland wurde bereits seit einiger Zeit Obstbau betrieben. Das Wissen über diese Form des Obstbaus und Veredelns übernahmen die Römer von den besetzten Gebieten.

Zuerst fanden sich Obstbäume nur in den Gärten reicher Villen. Die Bäume waren nicht nur materiell wertvoll, sie waren auch für die Religion von hohem Interesse. Obst galt als heiliges Geschenk und in alten Schriften werden Gärten als Paradies beschrieben. Ein Vergleich mit dem Garten Eden liegt nahe. Kein Wunder, dass die Strafen für Baumfrevel hoch waren.

Wertschätzung über Jahrhunderte hinweg

Nach dem Untergang des römischen Reiches ging viel Wissen verloren. Doch einige, noch heute gebräuchliche Wörter des Obstbaus geben Hinweise auf ihren Ursprung. So geht das Wort „Pfropfen“ auf das lateinische Wort „propagare“ zurück, das so viel wie „fortpflanzen“ oder „verlängern“ bedeutet. Durch Pfropfen wird eine edle Apfelsorte auf eine wilde Unterlage veredelt.

Neben Wissensverlusten hatte auch die Landschaft Einbußen zu verbuchen. Jede kriegerische Auseinandersetzung endet mit Zerstörung. Und was trifft den Gegner mehr als die Zerstörung seiner Lebensgrundlage? Die wertvollen Obstbäume wurden vielerorts vernichtet und die Sortenvielfalt schrumpfte auf sieben Apfel- und Birnensorten zusammen.

Nicht verloren ging hingegen die Wertschätzung der Obstbäume. Aus alten bayerischen Gesetzen um 600 nach Christus geht hervor, dass die Strafen für Baumfrevel immens hoch waren und sogar das reine Betreten fremder Obstgärten unter Strafe stand. Wer mehr als zwölf Bäume beschädigte, der hatte sie nach zu pflanzen und bis zu Ihrer Tragreife Ersatzzahlungen an den Geschädigten zu entrichten. Die grausamsten Strafen verhing wohl bereits im Altertum der Athener Drakon, der Baumfrevler wie Tempelschänder und Mörder mit dem Tod bestrafen ließ.

Karl der Große und die Benediktiner – ein Meilenstein für die Obstkultur

Karl der Große hatte vor allem die ausreichende Versorgung seiner Untertanen im Sinn. Um in seinem großen Reich die Nahrungsmittenknappheit zu bekämpfen, erließ er deshalb viele Gesetze, die von der Bevölkerung einzuhalten waren. Das wohl bekannteste davon ist die „Verordnung über die Krongüter“. In ihr regelte er, welche Bäume auf den Höfen gepflanzt werden mussten. Darunter waren vor allem Obstbäume, Nussbäume sowie Kastanien und Maulbeerbäume. Sogar die Sorten waren festgelegt. Vor allem saure Apfelsorten, die für die Winterlagerung oder zur Cidre-Herstellung geeignet waren, lagen ihm am Herzen. Die Sorten selbst sind heute nicht mehr bekannt, überdauerten aber eventuell in anderen Sorten oder unter neuen Namen. Von dieser Zeit zeugen noch heute die Namen zahlreicher Villen und Ortschaften wie Birenbach, Birndorf, Nussdorf oder Apfelstetten.

Einen weiteren Sprung nach vorne ermöglichten die Klöster um 1200 nach Christus. Durch die Verordnung von Benedikt von Nursia wurden die Klöster nach und nach autark. Alle Güter, die zur Versorgung nötig waren, sollten innerhalb der Mauern liegen, um den Aufenthalt außerhalb der Klostermauern unnötig zu machen. Bald wurde Obstbau in den Klosterschulen gelehrt. Der rege Austausch mit ausländischen Klöstern und das intensive Studium des Obstbau-Wissens aus der Antike machte die Benediktiner-Klöster zu Wissenszentren über Sorten, Pflege und Verarbeitung von Streuobst. Noch heute erkennen wir damals kultivierte Sorten an Namen wie Klosterbirne, Mönchsapfel oder Pfaffenbirne.

Zeittafel Streuobstwiesen

JungsteinzeitObst wird von Wildbäumen gesammelt – keine Obstkultur
Römische KaiserzeitVeredelte Obstsorten für die reichen Villengärten
Karl der Große um 800 n. Chr.„Verordnung über die Krongüter“ regelt, welche Sorten gepflanzt werden müssen
Benediktiner und Klöster um 1200 n. Chr.Erhöhung der Sortenvielfalt durch regen Austausch und Studium der Veredelung
ab dem 15. JahrhundertMassenproduktion von Dörrobst, Obstmus und Most
nach dem 30-jährigen KriegNeue Gesetze: Bevölkerung muss Bäume pflanzen (Ehestands-Gesetz)
ab dem 19. JahrhundertBlütezeit der Streuobstwiesen, der Pomologie und der Baumwart-Ausbildung
nach dem 2. Weltkriegintensive Landwirtschaft und Erwerbsobstbau löst die Streuobstwiesen ab
HeuteÖkologisches Umdenken zeigt eine Zukunft für Streuobstwiesen auf

Von der Stadt aufs Land

Im Mittelalter kamen nach und nach große Städte auf. Die Hausgärten innerhalb der Stadtmauern mussten Wohnraum weichen und wanderten somit vor die Stadt. Oft war der Obstbau vom Zehnt befreit und somit rentabel für die Landwirtschaft. Auch die Städte selbst legten eigene Obstgärten an, um neben dem Zehnt weitere Einnahmen durch den Verkauf der weiterverarbeiteten Güter zu generieren. Städte, die für ihre schönen Gärten bekannt waren, sind vor allem Augsburg, Nürnberg und Stuttgart.

Mit Anbruch des 15. Jahrhunderts wurde Obst nicht mehr nur zur Selbstversorgung angebaut. Massenproduktion von Dörrobst, Obstmus oder Most machte die Bäume rentabel.

Mithilfe der Bevölkerung bringt den Durchbruch

Nachdem der 30-jährige Krieg viele Obstbaumgärten vernichtet hatte, kam nun die endgültige Blütezeit der Streuobstwiesen. Möglich machte dies ein neuartiges Gesetzt, das Bürger zur Mithilfe aufrief. So verpflichtete das Ehestands-Baumgesetz jedes neu vermählte Paar und jeden zugezogene Bürger dazu, einen Obstbaum auf einer frei zugänglichen Allmendefläche, an einem Weg oder einer Straße zu pflanzen. In dieser Zeit entstanden großflächige Streuobstwiesen, die für jedermann zugänglich waren.

Um die Pflege und Organisation dieser Bäume zu gewährleisten, entstanden erstmals Baumschulen, in denen neben dem normalen Schulprogramm auch das Pfropfen, Schneiden und Pflanzen von Bäumen gelehrt wurde. Ab dem 19. Jahrhundert kamen für diese Zwecke extra ausgebildete Baumwarte hinzu.

Pomologen-Blütezeit

Die Wissenschaft der unterschiedlichen Obstsorten heißt Pomologie. Sie geht auf das erste Werk zurück, das die damals beliebtesten Sorten beschrieb – die „Pomologia“ von Johann Hermann Knoop. Nach und nach erschienen mehr Fachbücher über die Sortenwahl und Pflege. Auch praxisnahe Werke für das einfache Volk kamen in Umlauf und Baumschulen boten Kurse an. Es entstanden Gartenbauschulen, Pomologenvereine und Obstausstellungen.

Von der Liebhaberei zum Erwerbsobstbau

Nach dem zweiten Weltkrieg waren viele Streuobstflächen zerstört. Gleichzeitig schritt die Verstädterung fort. Bald gab es nicht mehr ausreichend Platz, dass jeder Haushalt genug Obstbäume zur Selbstversorgung halten konnte. Zusätzlich machte der entstandene Bahnverkehr den Transport der Güter über weitere Strecken möglich. Obst war zum ersten Mal rentabel und wurde fleißig exportiert und importiert. Hinzu kam die intensivierte Landwirtschaft mit Maschinen. Dies machte es unmöglich, Bäume und Felder zu kombinieren. Die Folge waren Obstkulturen als Plantage auf schwachwüchsigen, kleinkronigen Unterlagen. Der Erwerbsobstbau wurde durch Prämien für die Rodung von Streuobstbäumen gefördert und so verschwanden sie aus dem Bewusstsein der Menschen.

Streuobstwiesen heute

Alte Streuobstwiesen sind in vielen Teilen Deutschlands trotzdem noch immer vorhanden. Gerade in Süd- und Mitteleuropa finden sich noch heute große Flächen. Doch das ist keine Garantie, dass es so bleibt. Die Wiesen sind alt und größtenteils ungepflegt. Die Äpfel fallen im Herbst ins Gras und verrotten, da sich vielerorts die Pflege der Wiesen nicht rentiert. Mittlerweile ist der Bestand in Deutschland von 1,5 Millionen Hektar um 1950 auf aktuell etwa 300.000 Hektar gesunken. Ungefähr die gleiche Fläche ist zusätzlich mit Niederstamm-Plantagen bestockt.

Und die Zukunft?

Trotz der Masse an Billigangeboten aus dem Supermarkt kehrt das Bewusstsein der Menschen Stück für Stück zu den Streuobstwiesen zurück. Gerade der Erholungsfaktor – gepaart mit ökologischen Gesichtspunkten – macht Streuobstwiesen in Zeiten der Flächenversiegelung und Ballungszentren zu wichtigen Anlaufpunkten für Freizeit und Naturschutz. Peter Scharfenberger beispielsweise setzt sich aktiv für Streuobstwiesen ein. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die Streuobstwiesen Europas zum Weltkulturerbe zu machen. Ein hohes Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Am 23.04.2018 veröffentlichte der Freundeskreis Weltkulturerbe Streuobstlandschaften Europas das Nürtinger Streuobstmemorandum 2018 und legte damit den Grundstein für das Weltkulturerbe Streuobstwiesen Europas: Nürtinger Streuobstmemorandum 2018 (PDF).

Die Autorin: Marina Winkler

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