Tipps von Johannes Bilharz

Gibt es Revitalisierung beim Obstbaumschnitt?

Im Obstbau ist es weit verbreitet, durch kräftigen Schnitt Obstbäume zu einem starken Neuaustrieb zu zwingen, was allgemein als Revitalisierung oder im Volksmund sogar als „Verjüngung“ bezeichnet wird. Der Begriff „Verjüngung“ ist jedoch irreführend, da der Baum natürlich insgesamt nicht jünger wird und der jährliche Neutrieb bei einem alten Baum genauso jung ist wie bei einem jungen Baum. Der Unterschied liegt in der Ausprägung des Neutriebs. Beim alten Baum ist der jährliche Zuwachs oft kaum zu erkennen und beschränkt sich beim Neutrieb oft auf die Knospe. Beim jungen Baum sind die Neutriebe eher kräftig und lang.

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Schnittzeitpunkt als Schlüssel zum Erfolg

Längere Neutriebe sind kräftiger und vitaler und gerade bei den Kernobstarten weniger anfällig für Alternanz. Deshalb strebt der kundige und an Obst interessierte Obstbaumbesitzer ein gesundes jährliches Wachstum an. Das kann durch Schnitt erreicht werden, allerdings optimal nur in der blattlosen Zeit. Und auch hier gibt es Unterschiede. Winter ist nicht gleich Winter. Leider wird in der Literatur der Winter oft als eine einheitliche phänologische Zeit betrachtet. Das ist zu einfach gedacht, denn auch im Winter entwickeln sich Zellen weiter, insbesondere die Blatt- und Blütenknospen, aber auch Wurzeln.

Die Wirkung von Schnitt in dieser Phase lässt sich leichter verstehen, wenn man sich den Reservestoff-Kreislauf genauer anschaut. Mit dem richtigen Schnitt zur richtigen Zeit kann man diesen Reservestoff-Zyklus zur Revitalisierung nutzen.

Reservestoffe und ihr Nutzen

In unseren Breiten speichern die meisten Bäume für die blattlose Winterphase Reservestoffe ein. Das Optimum, also der höchste Füllgrad wird erreicht, wenn die letzten bunt gefärbten Blätter gefallen sind. Danach fehlen schlicht die Produzenten (= Blätter). Ab diesem Moment deckt der Baum seinen Energiehaushalt fast ausschließlich über diese Reservestoffe. Vergleichen lässt sich das mit einem Bären, der während des Winterschlafes von seinen Fettpolstern lebt. Am Anfang des Winters hat der Baum also die meisten Reservestoffe, die dann so langsam zum Frühjahr hin weniger werden. Schließlich verbraucht der Baum für seine Winter-Strategie auch im „Ruhezustand“ Energie. Mit dem Blattaustrieb wird der Vorrat fast schlagartig aufgebraucht, vergleichbar mit der Autobatterie beim Anlassen des Motors. Danach übernehmen die neugebildeten Blätter wieder die Energieversorgung durch die Produktion von Assimilaten. Die Assimilat-Produktion der Blätter bedient im Frühjahr zuerst den Dicken- und Längenzuwachs und die Fruchtbildung. Erst wenn die Wachstumsphase vorbei ist, je nach Baumart so ungefähr zum Sommeranfang hin, nutzt der Baum die Assimilat-Produktion vermehrt für die Bildung von Reservestoffen.

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Auswirkung des Schnitts auf die Reservestoffe

Der Baum lagert in der Anfangsphase der blattlosen Zeit die Reservestoffe hauptsächlich tief im Inneren des Starkholzes und in den Wurzeln. Schneiden Sie nun zu Beginn der blattlosen Zeit im Feinastbereich, bleiben die Reservestoffe nach dem Schnitt weitgehend im Starkholz erhalten. Mit den abgeschnittenen Ästen gehen somit nur wenige Reservestoffe verloren. Die verbleibenden, kaum reduzierten Reservestoffe verteilen sich beim Austrieb im Frühjahr auf weniger Knospen. Der Austrieb pro Knospe wird dadurch stärker.

Anders sieht es aus, je mehr der Schnitt in Richtung Frühjahr erfolgt. Oft schon ab Januar oder Februar wandern die Reservestoffe aus den geschützten „Lagerhallen“ im Starkholzbereich und den Wurzeln dorthin, wo sie zum Austrieb gebraucht werden, nämlich in die Jungtriebe zu den Knospen. Dieser Vorgang heißt Reservestoff-Mobilisierung. Je näher Sie zum Frühjahr hin schneiden, desto mehr Reservestoffe befinden sich somit im Feinastbereich. Entnehmen Sie nun Feinäste durch Ihren Schnitt, gehen mehr Reservestoffeverloren. Der Austrieb fällt vermeintlich etwas schwächer aus. Die Wuchsreduzierung bzw. der „Schockeffekt“ ist allerdings nicht so hoch, als beim Schnitt im Sommer, kurz vor der Einlagerung der Hauptmasse der Reservestoffe.

Aufgrund des oben beschriebenen Reservestoff-Zyklus liegt die Vermutung nahe, Sie könnten starken Austrieb durch Sommerschnitt, also Schnitt vor der Haupteinlagerung der Reservestoffe, bändigen. Das würde auch hundertprozentig funktionieren. Allerdings nehmen Sie dadurch eine erhebliche Schwächung des Baumes in Kauf, weil er mit einem geringeren Energiepolster in die Winterphase geht. Das wiederum macht ihn anfällig für Schaderreger, was nicht selten zum Absterben des Baumes führt. In meinen Augen ist deshalb Sommerschnitt zur Begrenzung der Wuchskraft keine gute Idee schon gar nicht wenn Ihr Ziel die Revitalisierung des Baumes ist.

Moderates Wachstum durch Schnitt?

Reservestoffe sind wichtig für den Baum, nicht nur für die Atmung, sondern auch als Frostschutz. Deshalb ist für alle Bäume ratsam, mit einem großen Energievorrat den Winter anzutreten. Nur vitale, insbesondere junge Bäume überstehen diese Tortur ohne großen Schaden. Gute Baumpfleger kennen andere Maßnahmen, starkwüchsige Bäume zu zügeln. Sie müssen nur wissen, wie Sie die Kräfte des Baumes sinnvoll umleiten und anderweitig einsetzen. Das schaffen Sie durch gleichmäßige Verteilung der Energie auf die gesamte Baumkrone, beispielsweise. durch Schlankschnitt.

Aber auch, wenn Sie starken Austrieb möchten und deshalb im frühen laublosen Zustand bei hohen Reservestoff-Vorräten im Starkholzbereich schneiden, kann das negative Auswirkungen haben. Denn Schnitt zerstört Zellen – immer! Bei tiefen Wintertemperaturen ist der Stoffwechsel des Baumes auf ein Minimum beschränkt. Die natürlichen Abwehrreaktionen funktionieren nur sehr eingeschränkt, was sich wiederum nachteilig auf die Baumgesundheit auswirkt. Die Kälte kann Zellen bis weit hinter die Schnittzellen zum Absterben bringen und Bakterien und Pilze zersetzen das abgestorbene Holz. Es entstehen größere Faulstellenhinter der Wunde. Aus dieser Sicht wäre es wiederum besser, die Schnittzeit näher am Frühjahrsaustrieb zu wählen. Je kürzer der Zeitraum zwischen Schnitt und Austrieb, desto schneller kann der Baum auf den Schnitt optimal reagieren.

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Fit bis ins hohe Baumalter – die richtige Schnittführung

Aber Achtung: Das alles funktioniert nicht bei alten und/oder geschwächten Bäumen. Denn starker vitaler Austrieb ist auch abhängig davon, ob der Baum überhaupt über genügend Reservestoffe verfügt. Gerade alte Bäume mit vielen Faulstellen und geringen Zuwächsen oder bereits geringer Vitalität, fehlt es oft an ausreichend Reservestoffen. Es fehlt an Produktionskraft und nicht zuletzt auch an Speicherorten. Diese sind schlicht weggefault. Ein hohler Raum im hohlen Baum kann nichts speichern. Hier hilft auch kein starker Rückschnitt im Winter. Im Gegenteil, dadurch beschleunigen Sie sogar das Absterben des Baumes. Der Baum ist am Ende sogar zu schwach, auf die vielen Schnittverletzungen zu reagieren, da ihm die nötigen Reservestoffe fehlen.

Deshalb ist die richtige Schnittführung wichtig, genauso wie das Wissen über den Verlauf von Zellverbünden (welches Gewebe gehört zu welchem Ast). Schnittführung beeinflusst die Entstehung oder Vermeidung von Fäule. Das geht soweit, dass der Schnitt ein paar Zentimeter weiter vorne oder hinten dafür verantwortlich ist, ob es zu einer großen Fäule führt, oder die Fäule auf kleinem Raum beschränkt bleibt. Das ist ein weites, großes Thema, was sich in so einem kleinen Text leider nicht abhandeln lässt.

Starker Schnitt gleich starker Austrieb?

Zum Schluss noch ein Wort zu dem aus vielen Obstbaumbüchern und auf vielen Obstbaumschnitt-Kursen zitierten bekannten aber unvollständigen Rezept: Starker Schnitt gleich starker Austrieb!

Wenn Sie meine Erklärungen aufmerksam gelesen und verstanden haben, wissen Sie jetzt, dass dies zum einen nur für Winterschnitt gilt, darüber hinaus aber auch abhängig ist von der Vitalität und der Schnittzeit innerhalb der Winterperiode. Der Obstbauer schneidet nicht deshalb im Winter, weil er im Winter am meisten Zeit hat, sondern weil er einen wüchsigen, gesunden und vitalen Zuwachs haben wollte. Das Ziel sind möglichst günstige Neutriebe für kräftige Blütenbildung und letztlich eine ertragreiche Ernte. Und was hat es nun mit dem Sommerschnitt auf sich? Das ist wiederum ein anderes Thema, hat einen anderen Hintergrund und ein anderes Ziel mit einem anderen Ansatz.

Der Autor: Johannes Bilharz

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