Mythos und Wahrheit

Die Mistel: Schmarotzer oder Wundermittel?

Anders als die meisten Pflanzenarten kommt die Mistel erst im Winter so richtig zur Geltung. Ihre grüne, kugelförmige Erscheinung zeigt sich nach dem Laubfall in ihrer ganzen Pracht. Der Halbschmarotzer entzieht seinem Wirt Wasser und Nährstoffe, die er für die Photosynthese braucht. Für die Bäume ist das kein Problem, solange sich der Befall in Grenzen hält. Doch durch die effiziente Verbreitungsstrategie der Mistel kann sich das schnell wandeln.

Ein Leben als Halbschmarotzer

Die Mistel ist ein Halbschmarotzer. Das bedeutet, dass sie Wasser und Nährstoffe ohne Gegenleistung aus ihrem Wirt saugt. Die Photosynthese betreibt sie selbst und bildet so die lebensnotwendigen Zuckerverbindungen für ihr Wachstum.

Um die Flüssigkeit aus dem Baum saugen zu können, senkt die Mistel ihre Saugwurzeln (Haustorien) durch Borke, Bast und Kambium ins Holz des Baumes. Dort zapft sie Leitungsbahnen an und bedient sich an Wasser und gelösten Nährstoffen. Durch ihren Platz in der Krone des Baumes bekommt sie immer genug Sonne ab und betreibt über ihre grünen Blätter Photosynthese.

Die Mistel wächst außerordentlich langsam. Die ersten drei Jahre existieren lediglich zwei Blättchen, die sich ab dann jährlich verdoppeln. Sie wird bis zu siebzig Jahre alt und erreicht eine Größe von einem Meter Durchmesser. Die immergrüne Pflanze ist zweihäusig – es gibt also männliche und weibliche Individuen.

Verbreitungskünstler

Misteln sind wahre Künstler der Verbreitung. Sie schaffen es, ihre Samen so zu platzieren, dass sie von Anfang an einen Platz an der Sonne haben. Dazu nehmen sie die Tiere zu Hilfe, die am höchsten hinauskommen – die Vögel. Damit die Samen möglichst zielsicher auf anderen Ästen ankommen, hat sich die Mistel ein kluges System ausgedacht. Sie produziert im Laufe des Jahres kleine, weiße Beeren. Sie bieten Vögeln eine schmackhafte Winternahrung. Die Misteldrossel ist sogar nach ihrer Lieblingsspeise benannt!

Durch das klebrige Fruchtfleisch putzt der Vogel immer wieder seinen Schnabel an einem Ast ab. So verteilt er die Samen in der Krone. Doch damit nicht genug! Die Samen haben eine unverdauliche Schale, sodass verschluckte Samen einfach mit ausgeschieden werden. Macht der Vogel nun sein Geschäft auf einem Ast, findet der Samen einen optimalen Platz inklusive Dünger vor.

Bäume und ihre Misteln

Für die Bäume sind Misteln nicht nur unerwünschte Untermieter. Sie entziehen ihnen wertvolle Nährstoffe und Wasserreserven. In Jahren mit genügend Niederschlag mag das nicht ganz so schlimm sein. In trockenen und heißen Zeiten wird der Befall jedoch zum Problem. Gerade die Sommer werden in unseren Breiten immer trockener und der Baum teilt seine Ressourcen nur ungern.

Die Weißbeerige Mistel (viscum album) hat drei Unterarten, die entweder Laubbäume, Tannen oder Föhren befallen. Besonders stark betroffen sind in Europa Apfel, Vogelbeere, Weißdorn und Weide. Teilweise ist es so schlimm, dass die Bäume im Winter wirken, als hätten sie eine grüne Krone. In Südosteuropa und Kleinasien kommt zudem eine Form mit gelben Früchten vor: die Eichenmistel.

Die Mistel auf der Streuobstwiese

Streuobstwiesen sind wahre Biodiversitäts-Wunder. Durch die Umstellung auf intensive Apfelplantagen gehen immer mehr Streuobstflächen verloren oder werden einfach nicht mehr gepflegt. Die Mistel kann sich ungehindert ausbreiten. Diese Streuobstwiesen wieder in Betrieb zu nehmen, gestaltet sich schwierig: Der Ertrag ist nur noch marginal. Wichtig ist deshalb, alte Streuobstwiesen regelmäßig zu pflegen. Dazu gehört vor allem der jährliche Schnitt, bei dem sowohl die Baumstatik, als auch die Baumgesundheit im Vordergrund stehen.

Bekämpfung der Mistel

Die Mistel ist eine wertvolle Pflanze. Sie bietet zahlreichen Vogelarten und Insekten Nahrung und Unterschlupf. Sie wird in der Medizin verwendet und eignet sich wunderbar als Weihnachtsschmuck. Es darf deshalb nicht das Ziel sein, die Mistel auszurotten. Im Garten, bei Bäumen mit Verkehrssicherungspflicht oder auf Streuobstwiesen ist es dennoch sinnvoll, die Mistel zu bekämpfen. Der ökologische Wert von Streuobstwiesen steht und fällt mit dem Baumbestand.

Um die Mistel zu bekämpfen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die effektivste Methode ist den befallenen Ast etwa 30 Zentimeter vor der Mistel abzuschneiden. So sind alle ins Holz eingedrungenen Wurzeln entfernt und die Mistel kann nicht neu austreiben. Diese Methode hat jedoch ihre Grenzen. Und zwar dann, wenn zu viele Äste befallen sind oder sich der Befall nahe am Stamm befindet. Ein radikaler Rückschnitt würde hier zuviel Blattmasse und Astmaterial entfernen.

Ist kein Rückschnitt mehr möglich, schneiden Sie die Mistel direkt an der Baumrinde ab. Die Haustorien verbleiben zwar im Ast. Die Mistel braucht aber drei Jahre, um sich zu regenerieren. Dem Baum ist somit eine Pause eingeräumt und er kann sich erholen. Die Prozedur muss kontinuierlich alle paar Jahre wiederholt werden.

Gründe für die Ausbreitung der Mistel

Gerade in Europa breitet sich die Laubholzmistel seit einigen Jahren stark aus. Gründe dafür sind zwar nicht gänzlich belegt, doch es existieren einige Annahmen dazu. Der größte Auslöser scheint der Klimawandel zu sein. Dieser wirkt sich zwar nicht direkt auf die Pflanze aus, doch er fördert die Vogelarten, die maßgeblich an der Verbreitung der Scheinbeeren beteiligt sind. Außerdem hemmen Trockenstress und Hitze die Abwehrkräfte der Bäume und erleichtern der Mistel das Eindringen ins Holz. Bäume, die von Menschen gepflegt werden – sei es durch Schnitt oder durch Wässerung – haben eine höhere Chance, frei von den mystischen Halbschmarotzern zu bleiben.

Die Mistel in der Mythologie

In der Mythologie ist die Mistel schon lange angesiedelt. Sie ist der Beschützer der Haushalte und vertreibt – über die Haustüre gehängt – allerlei Geister und Unheil. Ihr wurde bereits bei den Druiden eine heilende Wirkung zugesprochen und ein Kaltauszug aus der Pflanze soll sogar krebshemmende Wirkung haben. Sie ist Bestandteil vieler Arzneimittel und gerade in der anthroposophischen Medizin weit verbeitet.

Weithin bekannt ist der Brauch, sich unter einem Mistelzweig zu küssen. Diese Paare bleiben dem Glauben nach ein Leben lang zusammen. Gerade an Weihnachten werden die Zweige im Wohnzimmer oder über der Eingangstüre aufgehängt. Früher sollten die Mistelzweige im Viehstall die Fruchtbarkeit der Tiere steigern. Woher diese Bräuche kommen, ist bis heute unklar.

Irrglaube der geschützten Mistel

Die Mistel wird im Winter gerne als Dekoration in der Wohnung verwendet. Dagegen spricht erst einmal nichts. Denn die landläufige Meinung, die Mistel stehe unter Schutz, ist nicht wahr. Dennoch sollten Sie einige Dinge beachten: Die Mistel darf nur zu privaten Zwecken gesammelt werden. Gewerbliche Sammler müssen ihre Absicht bei der Gemeinde genehmigen lassen.

Achten Sie beim Sammeln der Zweige darauf, den Wirtsbaum nicht zu beschädigen. Schneiden Sie die Mistel dort ab, wo sie aus dem Baum wächst. Auf keinen Fall dürfen Sie den Ast des Baumes abbrechen oder absägen, um an die Mistel zu kommen. Der Baum ist bereits durch den Befall der Mistel geschwächt und sollte keinen zusätzlichen Verletzungen ausgesetzt werden.

Die Autorin: Marina Winkler

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