Gefährdet Fäule an alten Schnittstellen die Standsicherheit?

Die Frage:

Fäule an einem alten Schnitt - Ist die Birke noch standsicher?

User fragen Baumpfleger

Im Garten unserer Wohnungseigentümergemeinschaft steht auf einer Rasenfläche eine ungefähr 50 Jahre alte Sandbirke. 2007 hat ein Baumsachverständiger ein Gutachten mit positivem Ergibnis erstellt. Zu der Zeit war bereits unsachgemäß ein nicht unerheblicher Ast abgesägt worden. Hier bildete sich ein ellipsenförmiges „Loch“. Mir persönlich liegt sehr viel am Erhalt dieses schönen Baumes. Ist die Birke noch standsicher?

Die Antwort:

Der Kampf gegen die Fäule

Baumpfleger antworten Usern

Die Wunde Ihrer Birke ist schon einige Jahre alt. Der Baum hat sich in dieser Zeit sehr angestrengt, die Schnittführung zu überwallen. Durch den Zuwachs und das Dickenwachstum schließt sich allmählich die Höhlung. Allerdings wird es der Baum schwer haben, diese große Schnittstelle vollständig zu überwachsen. In der Zwischenzeit fault das Holz im Inneren munter weiter. Viele Baumarten können bei solchen Verletzungen gesundes von absterbendem Gewebe schützen (abschotten) und damit die Ausbreitung der Fäule verhindern oder zumindest verlangsamen. Birke gehört als Pioniergehölz allerdings nicht zu den gut abschottenden Baumarten.

Auf dem Bild kann ich nicht ermitteln, ob bei dem Schnitt auch Stammgewebe angesägt und damit verletzt wurde oder fachgerecht auf Astring geschnitten ist. Es sieht aber fast danach aus. Ist nur das Astgewebe betroffen, erfolgt in den ersten Jahren keine wesentliche Schwächung des Stammes. Wurde hingegen das Stammgewebe verletzt, kann die Bruchsicherheit schnell verloren gehen, weil dem Pilz in Stammrichtung auf- und abwärts die Tore offen stehen. Dies wird zum Problem, da sich der Baum in Längsrichtung der Leitungsbahnen kaum gegen Pilze wehren kann.

Auszug aus dem Buch „Baumschnitt“

Auf der linke Seite der Abbildung wurde der Stamm beim Schnitt verletzt. Im Stamm breitet sich die Fäule nach unten und oben aus.
Rechts sehen Sie einen abgestorbenen Ast. Hier wurde kein Stammgewebe verletzt. Die Fäule beschränkt sich auf das Astgewebe und das zugehörige Gewebe im Innern des Baumes.

Schematische Darstellung eines Astes mit SchnittstellenA: Astschutzzone

Bei fachgerechntem Schnitt oder wenn dünne Äste absterben, breitet sich Fäulnis selten über den Rand der Astschutzzone hinaus aus.

B: Astkernholz

Wenn ein Aststubben oder mittwlgroße tote Äste zurückbleiben, kann Fäulnis in das Kernholz eindringen. Mit Kernholz ist in diesem Fall der Kegel von Astgewebe Im Stamm gemeint.

C: Stamminfektion

Wenn große Stubben oder große tote Äste zurückbleiben, kann sich die Fäulnis in das Stammgewebe, das zum Teitlunkt des Absterbens bereits vorhanden gewesen ist, ausbreiten.

D: Stammparalleler Schnitt und Fäulnis

Bei diesem Schnitt (J) wird das Gewebe, das die Astschutzzone bildet, entfernt. Der Stamm wird ober- und unterhalb des abgeschnittenen Astes verletzt. Fäulnis breitet sich so schnell im Stamm aus (D).

Sperrzonen (E und F) trennen infiziertes von gesundem Holz, das auch nach dem Schnitt weiterhin entsteht. Wundholz nach fachgerechtem Schnitt (H) rollt sich nicht ein. Wundholz nach stmmparallelem Schnitt (G) tut das oft und vreursacht dadurch innere, vertikale Risse. Diese Risse können später bei Temperaturschwankungen aufbrechen.

Das ganze Buch „Baumschnitt“ von Alex Shigo finden Sie bei Freeworker!

Einschätzung der Fäule

Meine vorsichtige Meinung anhand der Bilder ist, dass der Baum noch ausreichend Stand- und Bruchsicher ist. Er sieht noch sehr vital aus, worauf man anhand der dicken Wülste schließen kann.
Aufgrund der Baumart und der doch zentralen Fäule an einer statisch hoch relevanten Stelle, sind Sie als Eigentümer auf alle Fälle gut beraten, jährlich mindestens einmal den Baum von einem Baumkontrolleur begutachten zu lassen. Sollte sich bei einer eingehenden Untersuchung herausstellen, dass sich die Fäule im Innern schon stark ausgebreitet hat, kann es auch sein, dass zweimal jährlich Kontrollen erforderlich sind. Diese erfolgen einmal im belaubtem und einmal im unbelaubtem Zustand. Ob dies bei einer Pionierbaumart, welche in bebauten Gebieten oft nur 50-70 Jahre alt wird vom finanziellen Aufwand her gerechtfertigt ist, müssen Sie selbst entscheiden.

Hilfe zur Bekämpfung der Fäule

Was können Sie nun tun, um dem Baum zu helfen? Eigentlich nichts! Entweder der Schnitt war korrekt, dann hat der Baum noch einige Zukunftschancen. Hat der Schnitt hat den Stamm stark verletzt, dann ist die Lebenserwartung gesenkt. Das kann Ihnen auf Wunsch aber ein Baumgutachter genauer untersuchen.

Indirekte Hilfe für den Baum

Sorgen Sie dafür, dass es der Birke an nichts fehlt. Er hat bereits einen schönen Platz in Ihrer Anlage, bei der er keine Konkurrenz durch Nachbarbäume fürchten muss. Somit bleiben ihm alle vorhandenen Nährstoffe und Wasserreserven im Boden. Birken sind Pionierbaumarten. Sie wachsen an kargen Standorten und sind somit sehr genügsam. Zusätzliche Düngung brauchen sie in der Regel nicht.

Birken reagieren empfindlich auf Schnittmaßnahmen, was Sie ja bereits feststellen mussten. Versuchen Sie also die Pflegemaßnahmen lediglich auf die Entnahme von Totholz zu minimieren. Leichte Schnittmaßnahmen verhindern, dass Äste zu schwer und damit zur Gefahr werden. Leider werden Birken deshalb oft bis ins starke Holz zurück geschnitten. Das verursacht eben diese Fäule-Probleme. Dies können Sie durch schonenden Schnitt verhindern. Dieser zielt darauf ab, die Äste hinsichtlich des Hebels von der Peripherie her zu entlasten.

Durch starkes Herabsetzen der Birke und Schnitt bis ins alte Holz, kann man Stand- und Bruchsicherheit von Baum und Ästen zwar kurzfristig stark erhöhen. Dies schafft aber automatisch Probleme, welche die Verkehrssicherheit auf mittel- bis langfristige Sicht stark mindern.

Schwieriger ist es, sich über Ästhetik zu einigen. Der Laie findet oft verstümmelte, niedrige Bäume schön, der Baumpfleger mag meist Bäume mit einem natürlichen Aussehen lieber. Fachleute sprechen dann von habitusgerechtem Schnitt. Versuchen Sie einen Baumpfelger zu finden, welcher Ihrem Stil entspricht.

Die Sandbirke

Die Sandbirke gehört zur Gattung Betula. Wegen ihrer herunterhängenden Äste wird sie auch Hängebirke genannt. Wie alle Birken zählt sie zu den Pionierbaumarten. Sie besiedelt als erste kahle Flächen und ist dementsprechend anspruchslos gegenüber Nährstoff- und Wasserhaushalt. Die Birke ist eine schnellwüchsige Baumart, erreicht dafür jedoch nur ein Alter von 100 bis 150 Jahren.

Ihre charakteristisch weiße Rinde stammt von ihrer Vorliebe zur Erstbesiedlung neuer Gebiete. Hier ist sie der vollen Sonneneinstrahlung ausgeliefert und schützt sich durch die Einlagerung von Betulin, welches das Licht vollständig reflektiert, gegen Rindenbrand. Dadurch erscheint die Rinde aller Birken weiß.

Die Autoren: Marina Winkler/Johannes Bilharz

Ihr Baumpfleger vor Ort hilft Ihnen gern weiter!

Alle Baumpfleger in Ihrer Nähe finden Sie Über die Suchfunktion des Baumpflegeportals!

Ähnliche Artikel auf dem Baumpflegeportal:

2 Antworten
  1. Winfried Vogt

    Auf meinem Grundstück stehen zwei alte Apfelbäume.
    An einem wurde vor vielen Jahren ein dicker Ast abgeschnitten.Die Schnittstelle ist mittlerweile stark gefault,
    Das Holz in diesem Bereich ist matschig und kann leicht entfernt werden. Der etwa 30 cm dicke Ast lässt
    sich mindesten zur Hälfte aushöhlen. Was kann ich tun, um den Ast und den Baum zu erhalten ?
    Für Ihren Rat danke ich herzlich.
    Winfried Vogt

    Antworten
    • Baumpflegeportal

      Guten Tag Herr Vogt.
      Danke für Ihre Frage. Bäume können große Schnittstellen fast immer schwer abschotten und überwallen. In Ihrem Fall scheint es nicht geklappt zu haben und die Wunde hat sich mit einem Pilz infiziert. Je nachdem, ob der Baum es noch geschafft hat etwas weiter hinten abzuschotten, kann der Pilz weiter in den Stamm eindringen, oder nicht. Wichtig wäre für mich zu wissen, ob der Ast auf Stummel abgeschnitten wurde oder direkt am Stamm? Bei einem Stummel könnte es möglich sein, dass der Pilz gar nicht bis zum Stamm vorgedrungen ist, sondern nur der Ast betroffen ist. Bei einem Schnitt direkt am Stamm ist der Pilz wohl auch ins Stammholz eingedrungen und kann dort Probleme mit der Standsicherheit hervorrufen. Schön wäre es, wenn Sie mir Fotos per Mail zusenden könnten. Dann kann ich die Situation besser einschätzen. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung.

      Antworten

DEIN KOMMENTAR

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Name*

Website


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.