Schnittstelle an einer Birke mit dunklem Schleimfluss

Die Frage:

Hilfe, unsere Birke blutet!

Eine unserer Birken auf dem Hof verliert eine blutrote Flüssigkeit. Ich beobachte dies schon seit längerem an mehreren Stellen in der Rinde des Baumes.

Was ist die Ursache für den blutroten Saftfluss an der Birke?

Die Antwort:

Ursache von verfärbtem Pflanzensaft bei Birke nach Verletzung

Bei der „blutroten Flüssigkeit“ handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um Pflanzensaft, welcher aus der durch Sägeschnitt verursachten Verletzung der Wasserleitgefäße nach außen gepresst wird.

Stoffwechselprodukte von Organismen (Bakterien, Pilze und Viren) rufen die rote Farbe hervor. Diese Organismen machen sich auch über die Mineralstoffe und zuckerhaltigen Speicherstoffe her. Insbesondere im Frühjahr, wenn der Baum vor dem Blattaustrieb, aus Wurzel, Stamm und den dicken Ästen die eingelagerten Speicherstoffe mobilisiert, hat der Pflanzensaft im Xylem einen stark erhöhten Zuckergehalt. Dieser Pflanzensaft hat einen hohen Nährwert. Das ist ein „Paradies, wo Milch und Honig fließen“, eine Oase und Treffpunkt für alle möglichen Organismen.

Das „Bluten“ der Birke

Für den Saftfluss bei Birke wird oft der Begriff „Bluten“ verwendet, vielleicht nicht zuletzt wegen der oft nachfolgenden „blutroten“ Einfärbung. Allerdings trifft diese Beschreibung nicht ganz den Nagel auf den Kopf. Bäume haben kein Blut und können deshalb auch nicht bluten. Trotzdem hat sich dieser Begriff eingebürgert, wahrscheinlich weil er kurz, prägnant und einprägsam ist.

Leider gibt es in der Fachwelt nach meinem Kenntnisstand noch keinen griffigen und stimmigen einheitlichen Begriff für dieses Phänomen, der sich im Sprachgebrauch hätte durchsetzen können. „Saftabscheidung“ klingt übel und „der Baum scheidet Saft ab“ ist umständlich. „Saftfluss“ und „Saft tritt aus“ ist auch nicht einfacher. Deshalb lässt sich der Begriff „Bluten“ wohl nicht so richtig ausmerzen und wird auch in der Fachwelt immer wieder benutzt.

Ursache für das „Bluten“

Das Austreten von Pflanzensaft ist eher ein unspezifisches Symptom bei Verletzungen. Ursache von Verletzungen kann, wie wahrscheinlich im vorliegenden Fall, das Absägen von Ästen sein. Ebenso gibt es natürliche Ursachen, wie zum Beispiel mechanische Beschädigungen durch Wind oder Frost, oder auch Schäden durch Tiere (zum Beispiel Borlöcher von Birkensplintkäfer). Auch Pathogene, wie zum Beispiel Viren, kommen als Auslöser in Frage. Es ist oft schwer durchschaubar, was die primären oder sekundären Schädigungen sind.

„Bluten“ für den Baum schädlich?

Der Saftfluss und die Besiedlung mit Organismen nach dem Absägen von Ästen sind für die Birke nicht zwingend schädlich. In der Wissenschaft sind keine eindeutigen Meinungen zum Phänomen hinsichtlich Schädlichkeit zu finden. Wahrscheinlich ist es aufgrund der vielen unüberschaubaren Wechselwirkungen nicht eindeutig. Manche Untersuchungen kommen zum Schluss, der Saftfluss sei förderlich und unterstütze den Baum beim Verschließen von verletzten Gefäßen. Andere sprechen davon, der Saftfluss erschwere es Sporen, ins Holz vorzudringen. Andere bezweifeln, dass es gut sein kann, wenn Bäume literweise nährstoffreichen Saft verlieren.

Während meiner langen Baumschnitt-Praxis konnte ich – korrekte Schnittführung vorausgesetzt – bisher keine negativen Auswirkungen erkennen. Entweder war ich total blind und unsensibel, oder die Auswirkungen sind in der Tat eher als unwichtig einzuschätzen. Ich vermute Letzteres. Ich sehe das Problem an anderer Stelle, nämlich der falschen Schnittführung beim Absägen des Astes. Auch wenn Saftfluss anscheinend primär nicht schädlich für den Baum ist, vermeide nach Möglichkeit ich Baumschnitt bei Baumarten wie Ahorn, Birke, Walnuss oder Weiden im Spätwinter/Frühjahr vor dem Blattaustrieb. Denn schön ist es nicht, wenn man beim Bäume schneiden einen Regenschirm braucht, weil alle Schnittstellen tropfen. Tropfen ist oft noch harmlos ausgedrückt. Oft ist es eher ein Regen! Sobald die Blätter ausgetrieben haben, ist es schlagartig vorbei mit dem Saftfluss. Für die meisten Baumarten und viele Zielsetzungen ist es sowieso oft nicht der schlechteste Schnittzeitraum.

Problem falscher Baumschnitt

Gefragt wurde nach der Ursache der „blutroten Flüssigkeit“. Bei dem Bild beunruhig mich aber nicht so sehr die Farbe des Saftflusses, sondern die Auswirkungen der im Bild zu sehenden Schnittverletzung. Die Birke gehört zu den Baumarten, die nach Verletzungen tendenziell schlecht abschotten. Schnitte mit der Säge gehören auch dazu. Zur Erklärung: Abschottung ist die Reaktion bestimmter Zellen im Baum nach Verletzung. Die Zellen versuchen mit dieser Reaktion, zwischen toten und lebenden Zellen eine „Schutzmauer“ beziehungsweise Barriere zu errichten/abzuschotten. Diese soll verhindern, dass Schadpilze oder Bakterien die lebenden Zellen zerstören.

Bei Verletzungen durch Sägeschnitt ist zu unterschieden, ob der Schnitt gut geführt wurde oder nicht. Gut heißt: der Schnitt hat nur das Gewebe verletzt, das zum abgeschnittenen Ast gehört. Schlecht ist ein Schnitt, wenn auch Gewebe verletzt wurde, das zum verbliebenen Ast oder Stamm gehört, an dem der Ast entfernt wurde.

Im ersten Fall wird erst mal nur das Holz abgebaut, das zum weggeschnittenen Ast gehört. Es kann eine Höhlung entstehen, die jedoch nicht problematisch sein muss. Im zweiten Fall werden Fasern des verbliebenen Astes in Längsrichtung zum Faserverlauf verletzt. Schön kann man das auf den Bildern im Buch „Baumschnitt“ auf Seite 44 und 45 von Alex Shigo sehen. Das Buch ist in meinen Augen eine Pflichtlektüre für Baumpfleger.

Autobahn für Bakterien verhindern

Da Wasserleitungsbahnen (Xylem) in Richtung des Saftflusses (= Richtung des Faserverlaufs) keine Barrieren aufbauen, ist das für Pilze oder Bakterien wie eine „Autobahn“. Auf dieser breiten sie sich in kürzester Zeit im Ast oder Stamm nach oben und unten aus. Das gilt es beim Schnitt zu verhindern. Hier entscheidet sich, ob ein Schnitt für den Baum zur Gefahr wird oder nicht. Auf dem eingereichten Bild des Fragestellers hat es für mich den Anschein, der Ast ist nicht sauber abgeschnitten worden. Höchstwahrscheinlich ist Stammgewebe beim Schnitt zerstört. Das ist natürlich erst mal eine Vermutung, da ich die Vorgeschichte nicht kenne und das Bild nur bedingt Informationen preisgibt. Es könnte durchaus auch schon eine Verletzung vor dem Schnitt vorgelegen haben. Beispielsweise könnte der Ast erst nach dem Austritt von Pflanzensaft abgeschnitten worden sein, weil er vielleicht als Folge der Vorverletzung abgestorben ist.

Xylem und Phloem

Wasserleitgefäße nennt man Xylem. Sie transportieren das mineralstoffreiche Wasser aus den Wurzeln und die im Frühjahr mobilisierten Reservestoffe aus den Speicherzellen zu den Blättern. Der Transport ist passiv. Es gibt auch Pflanzensaft aus den Siebgefäßen. Diese werden Phloem genannt. Es sind Transportleitgefäße für in Blätter gebildete Assimilate. Der Transport erfolgt aktiv. Der Pflanzensaft aus dem Phloem spielt bei der Gewinnung von Palmwein eine Rolle. Ansonsten ist Saftfluss aus dem Phloem eher seltener, weil die Zellen sich nach Verletzung eher Verschließen im Gegensatz zu den Wasserleitgefäßen. Diese bestehen vorwiegend aus Gefäßwänden, die nicht auf Verletzung reagieren können.

Bewertung der Verletzung der Birke

Unabhängig davon, was nun letztlich die Ursache für den Saftfluss war, ist eine Bewertung des Schadens anhand der Bilder natürlich nicht möglich. Dazu kontaktieren Sie am besten einen Baumpfleger oder Baumgutachter in ihrer Nähe und lassen sich vor Ort beraten. Ich kann nur so viel sagen, dass früher oder später Verletzungen durch falsche oder große Schnittmaßnahmen zu Fäulen führen.

Oben habe ich erwähnt, dass Birken zu den schlecht abschottenden Baumarten gehören. Fäulen breiten sich schneller aus als bei anderen Baumarten. Birken gehören eher zu den Pioniergehölzen, keinesfalls zu den langlebigen Gehölzen. In den ersten 20 Jahren sind Birken in der Regel unproblematisch. Sie haben in jungen Jahren einen schönen Habitus und wirken aufgrund der Größe noch nicht bedrohlich.

Problem: Unsachgemäße Pflege

In Wohngebieten beginnt spätestens nach 20 Jahren der Streit mit Nachbarn oder Anwohnern und das Schimpfen über Schatten und „Dreck“ wird lauter. Im Glauben, etwas tun zu müssen, kappt oft jemand unfachmännisch die Bäume, in der Hoffnung, den Baum klein halten zu können. Die Kappungsstellen wiederum sind Ausgangspunkt für das Ausfaulen von Stamm und Ästen. Die Bäume sind in diesem Alter meist noch sehr vital und wachsen trotz der starken Verletzungen durch Kappungen munter weiter. An den Kappungsstellen bilden sich neue Sekundärtriebe. Diese sind jedoch nicht mehr so gut verwachsen mit dem Stamm oder dem Ast auf dem sie sitzen. Mit zunehmendem Gewicht werden sie anfälliger für Astausbrüche. Das wird als Folge immer mehr zum Problem. Es muss deshalb häufiger geschnitten werden, weil der Baum hausgemacht unsicherer wird.

Problem: Verkehrssicherheit

An den großen Schnittstellen, der Basis der Neutriebe, verfault das Holz. Die Fäule frisst sich in Ast und Stamm vor. Da Birken schlechte Abschotter sind, bekommen die Pilze kaum Gegenwehr. Es ist dann eine Frage der Zeit, bis Stamm oder auch Starkäste zur Gefahr werden. Spätestens nach geschätzten 30 Jahren müssen die Birken dann verstärkt hinsichtlich Verkehrssicherheit kontrolliert werden. Wenn diese Birken es schaffen, älter als 50 Jahre zu werden, haben Sie schon fast das Maximum an Lebenszeit herausgeholt. Bei guter Behandlung und gutem Standort könnten Birken jedoch durchaus weit über 100 Jahre werden.

Der Autor: Johannes Bilharz

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