Wasser tropft von einem Aststummel

Naturphänomen

Was steckt hinter dem Bluten der Bäume?

Wer Bäume schneidet, trifft früher oder später auf das Phänomen, dass aus der Schnittwunde Saft heraus tropft. Der Baum „blutet“. Das kann heftig sein und einige Tage andauern. In Ermangelung eines besseren Begriffs und aufgrund der im Volksmund verbreiteten, einprägsamen Assoziation mit einer Verletzung beim Menschen und dem nachfolgenden Bluten, wird der Begriff nicht mehr oder nur sehr schwer zu ändern sein. Mit dem Bluten beim Menschen hat dieses Phänomen aber nichts zu tun. Deshalb kommt es durch die Begrifflichkeit zu Fehlinterpretationen. Hier hilft es, sich kurz mit den Hintergründen zu beschäftigen.

Stoffwechsel bei Bäumen

Ein Baum hat zwei Leitungssysteme. In den Wasserleitgefäßen (Xylem) findet der Wassertransport statt, der von den Wurzeln zu den Blättern erfolgt und Bodenwasser sowie gelöste Mineralstoffe transportiert. Die Siebzellen (Phloem) transportieren die Stoffe, die der Baum durch Photosynthese in den Blättern selbst hergestellt (Assimilate). Von den Blättern trasportiert der Baum die Stoffe dahin, wo er sie benötigt – sozusagen von der Quelle (Sink) zum Verbrauch (Source).

Bildlich lässt sich dies wie folgt erklären: Die Blätter sind die Fabriken, die alles produzieren, was der Baum benötigt. Die Rohstoffe kommen von Zulieferern, aus der Luft (zum Beispiel CO2, Energie aus Sonnenstrahlen) und aus dem Boden (zum Beispiel Wasser und darin gelöste Nährsalze). Die fertigen Produkte oder Zwischenprodukte liefern die Fabriken zum Verbraucher. Das geschieht in den zwei unterschiedlichen Leitungsbahnen, dem Xylem (Holzkörper) und dem Phloem (hinter der Rinde).

Was verursacht das Bluten eines Baums?

Das Bluten bei Bäumen verursacht hauptsächlich – es gibt Ausnahmen – das Xylem. Diese Transportbahnen verschließen sich bei einer Verletzung, wei bei einem Schnitt, nicht. Das Phloem wird bei einer Verletzung meist verschlossen. Der Wurzeldruck sorgt dafür, dass das Wasser und die darin gelösten Nährstoffe aus der Wunde heraus gedrückt werden. Das geschieht vor allem im Frühjahr vor dem Blattaustrieb. Der Baum mobilisiert und transportiert die im Holz gespeicherten Reservestoffe von Wurzel und Stamm („Winterquartier“) in Richtung Knospen und Zweige.

Welche Bäume bluten?

Vor allem Walnussbaum, Birke, Ahorn, Robinie, Tulpenbaum und Weinrebe fallen besonders auf. Bei Birken sind bis zu fünf Liter Saftaustritt pro Tag möglich.

Schadet das „Bluten“ den Bäumen?

Zu dieser Frage weiß die Fachwelt noch wenig. Das, was in Büchern oder im Internet geschrieben ist, ist oft widersprüchlich. Es gibt hier offensichtlich seitens der Wissenschaft noch keine klaren Kenntnisse. Vieles beruht deshalb lediglich auf Beobachtungen, Vermutungen oder ist nur abgeschrieben. Meine Erfahrungen zumindest lassen die Vermutung zu, dass das „Bluten“ den Bäumen nicht schadet. Es gibt ebenfalls Diskussionen, die eine positive Wirkung des Blutens vermuten. Denn es soll beispielsweise verhindern oder zumindest behindern, dass Bakterien oder Pilzen eindirngen. Trotz Unklarheiten ist das aber schon ein Ergebnis. Denn wenn es sich nicht genau erkennen lässt und die Fachwelt zweifelt, ob es Bäumen schadet – dann scheint das Problem nicht zu groß zu sein. Ich folgere: Fürs Erste müssen wir uns darüber keine großen Gedanken machen.

Wann bluten Bäume?

Das Bluten tritt bei den bekannten Baumarten in der blattlosen Zeit im Winter und im Frühjahr auf (Vegetationsruhe). Besonders ausgeprägt ist das Bluten im Zeitraum Winterende und Frühlingsanfang bis zum Blattaustrieb. Das scheint dafür zu sprechen, dass die Phase der Mobilisierung der Reservestoffe (Ende der Winterruhe des Baums) für das Bluten verantwortlich ist.

Richtige Schnittzeit bei blutenden Bäumen?

Hier ist meiner Erfahrung nach endlich mit den Empfehlungen, die seit Jahrzehnten Fachzeitschriften, Fachbüchern und Fachleuten gebetsmühlenartig geben, Schluss zu machen. Dort wird immer die Zeit von August bis zum Blattfall als ideal gepredigt. Begründungen: Die Wunde verschließt sich vor dem Winter und es blutet nicht. Beides ist richtig, aber eben nicht primär wichtig. Die Bedeutung wird überschätzt, das kann jeder selbst ausprobieren.

Was zählt beim Schnitt?

Was ist wichtig? Zum einen die Schnittführung beim Baumschnitt. Wichtig ist, ob der Baum vital und wie die Reservestoff-Situation ist. Wer im letzten Vegetationsdrittel Bäume stark schneidet, behindert die Reservestoffeinlagerung für den Winter massiv. Bäume, die nicht genug Reservestoffe einlagern, treiben zwar im Frühjahr nicht stark aus, was für den ein oder anderen ein Vorteil zu sein scheint. Zu Bedenken ist jedoch, dass der Baum Reservestoffe für die Winterhärte benötigt. Ein Baum lagert Reservestoffe nicht zum Spaß ein. Wer Bäume klein halten möchte, mit seinem Baumschnitt zuviel Austrieb provoziert und Angst davor hat, der sollte sich im Schlankschnitt von Bäumen üben. Denn diese Schnittmethode erlaubt es, Bäume zu schneiden, ohne sie zu schwächen. Werden Bäume durch Schnitt im letzten Drittel der Vegetationszeit durch Behinderung der Reservestoffeinlagerung geschwächt, führt das im schlimmsten Fall zum Tod des betroffenen Baums (zum Beispiel bei alten und/oder geschwächten Bäumen).

Die richtige Schnittzeit für blutende Bäume ist nach dem Blattaustrieb!

Ich habe zwar nicht feststellen können, dass es Bäumen schadet, wenn sie nach dem Schnitt bluten. Aber mir macht es psychologisch keinen Spaß, tropfende Bäume zu schneiden. Mein Gefühl sträubt sich und denkt: „Gesund sieht das nicht aus!“ Deshalb vermeide ich es – wenn möglich – Bäume, von denen ich weiß, dass sie bluten, während der Vegetationsruhe zu schneiden. Sollte sich herausstellen, dass Bluten den Bäumen hilft, habe ich kein Problem damit, das umzustellen. Solange gilt meine Empfehlung für Fachleute und Buchautoren: Bäume, die bluten, am besten direkt nach dem Blattaustrieb schneiden! Es fließt kein Tropfen Saft, sobald die Blätter entwickelt sind. Am Anfang der Vegetation ist auch der Wundverschluss gut, der Baum in vollem Wachstumsmodus und in der Lage, auf Verletzungen mit Wachstum zu reagieren.

Der Autor: Johannes Bilharz

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