Alte Schnittstelle an einem Baumstamm, die mit einem roten Wundverschlussmittel überstrichen wurde

August 2013

Die Frage:

Welche Wundverschlussmittel beim Baum- und Obstbaumschnitt sind zu empfehlen?

Ich besitze einen Obstgarten mit ca. 50-jährigem Bestand und eine Windschutzpflanzung aus Laub- und Nadelgehölzen, ca. 40 Jahre alt. Zum Verschließen der Schnittflächen nach Verjüngungs- und Auslichtungsschnitten habe ich bisher Baumteer Pomrin verwendet. Diese Paste auf Ölbasis war ergiebig, schnell und bequem verarbeitbar und vom Preis akzeptabel. Dieses Produkt wird nun aber nicht mehr hergestellt. Bislang habe ich erfolglos nach einem Ersatzprodukt gleicher Qualität gesucht.

Meine Bitte und Fragen lauten: Welche Produkte verwenden bzw. empfehlen Sie? Wer sind die Lieferanten?

Die Antwort:

Wundverschlussmittel sind bei gutem Schnitt überflüssig

Baumschnitt oder Obstbaumschnitt ist eigentlich eine Sache, mit der sich alle Garten- und Grundstückbesitzer irgendwann auseinandersetzen. Der meist genannte Grund für einen Baumschnitt ist bei Privatleuten mit Abstand die Reduzierung der Baumhöhe. Der Baum wird gekürzt und schon nach kurzer Zeit ist er wieder zu hoch. Die Maßnahme wird wiederholt. Warum Obstbäume geschnitten werden müssen, wissen die meisten nicht so genau, aber man glaubt zu wissen, dass sie geschnitten werden müssen. Wahrscheinlich wegen des Obstertrags. Also ran an den Baum!

Was braucht es dazu?

Am besten eine Handsäge und eine Gartenschere.

Wo und wie soll geschnitten werden?

Das wissen die meisten nicht so genau. Man orientiert sich da einfach mal an einer Idealvorstellung, die der eine so, der andere so für gelungen hält.

Das weiß jeder!

Aber gibt es da nicht Wundverschlussmittel? Einfach drauf auf die Schnittstelle, dann wird es schon verheilen. Schlecht kann das nicht sein, oder? Macht das nicht auch der passionierte Obstbaumschneider aus dem Gartenverein? Ja, in dieser Frage sind sich die meisten mit der Antwort sicher. Wundverschluss muss sein!

Die kurze Antwort

Sparen Sie sich die Wundverschlussmittel, egal ob Baumteer oder andere Mittel, mit oder ohne Fungizid. Ob der Baum gesund bleibt, hängt nicht vom Mittel ab, sondern vom Schnitt (was und wie) und der Schnittzeit (physiologische Phase des Baumes). Und noch von ein paar anderen „Kleinigkeiten“.

Irrglaube

In vielen Obstbaumschnitt-Büchern und -Lehrgängen wird der Verschluss von Schnittstellen immer noch eindringlich empfohlen. Seit den 80er-Jahren hat jedoch aufgrund von Forschungsarbeiten eines amerikanischen Forstwissenschaftlers (Alex Shigo) ein Umdenken stattgefunden. Kurz gesagt: Wundverschlussmittel schaden mehr, als dass sie nützen. Die Probleme nach einem Baumschnitt liegen meist am falschen Schnitt oder der falschen Schnittzeit.

Die Wundverschlussmittel-Industrie, ein bis dahin erträglicher Industriezweig in der Gartenbranche, ist daraufhin so nach und nach zusammengebrochen. Es hat sich noch das ein oder andere Produkt im Markt gehalten. Möglicherweise deshalb, weil Änderungen in Wissen und Gewohnheiten oft lange brauchen, bis sie sich durchsetzen oder weil Kleingärtner und Privatleute gerne glauben, was versprochen wird. Sie haben ein schlechtes Gewissen nach dem Schnitt und wollen dem Baum etwas Gutes tun, nachdem sie ihm mit der Säge zugesetzt haben. Zugegeben, so meine Theorie. Doch zugegeben, einen kleinen Anwendungsbereich für Wundverschlussmittel gibt es, dazu später mehr.

Grundlage Baumbiologie

Hintergrund dieser Erkenntnisse war ein besseres Verständnis dafür, was im lebenden bzw. toten Holz passiert. Das zu erklären ist auf die Schnelle so nicht möglich. Dazu muss man etwas in die Baumbiologie abwandern:

Im ersten Jahr wächst ein Ast sowohl in die Länge, als auch in die Breite, ab dem zweiten Jahr nur noch in die Breite. Dafür verantwortlich sind Zellen, die direkt hinter der Rinde liegen. Sie sind in einer zusammenhängenden Zellschicht wie ein Zylinder direkt hinter der Rinde platziert. Sie teilen sich permanent und bilden so neue Zellen. Diese Schicht nennt sich Kambium. Sie ist mit dem bloßen Auge kaum sichtbar und meist nur eine Zellreihe breit. Die zur Mitte des Stamm- oder Astquerschnittes gebildeten Zellen entwickeln sich zum allen bekannten Jahrring. In diesen „statischen und toten“ Zellen (Xylem) werden Wasser und darin gelöste Nährsalze aus dem Boden von der Wurzel zu den Blättern, den Produktionsfabriken, transportiert (passiv). Dieser Holzteil innerhalb des „Kambiumzylinders“ wird Splintholz genannt.

Die von dem Kambiumzylinder nach außen abgegebenen Zellen bilden die Rinde. Diese besteht aus Bast und Borke. Die Borke ist die äußerste Rindenschicht, das, was wir von außen sehen, was den Charakter eines Baumes ausmacht und was wir im Volksmund als „Rinde“ bezeichnen. Auch zur Rinde gehört der zwischen Borke und Kambium liegende Bast (Phloem). Es ist das lebende Gewebe der Rinde und besteht aus Siebzellen. Dieser Bereich ist wesentlich unscheinbarer und dünner als der innere Holzkörper (Spintholz). In diesen Zellen werden die von den Blättern hergestellten Produkte (Assimilate) vorwiegend von den Blättern zu den „Verbrauchszentren“ (z. B. Wurzeln und alle anderen Organe des Baums) transportiert. Die Assimilate dienen dem Aufbau der Pflanze. Das Kambium baut sozusagen nach innen hin Schicht für Schicht, Jahrring für Jahrring an und wächst somit selbst von Jahr zu Jahr weiter nach außen und lässt den Baum dadurch dicker werden.

Entstehen und Vergehen von Zellen

Kambiumzellen sind noch undifferenziert, das heißt, sie sind noch nicht festgelegt hinsichtlich ihrer Bestimmung. Sobald aber die Zellentwicklung fertig und der Zelltyp festgelegt ist, kann das nicht mehr rückgängig gemacht werden. Diese differenzierten Zellen können sich auch nicht mehr selbst teilen. Das hat Konsequenzen. Denn werden diese Zellen verletzt, können sie nicht wiederhergestellt werden, sondern sterben ab. Wenn nun der Gärtner einen Ast durchsägt, dann ist einzig und alleine das Kambium (also die Zellschicht vor der Rinde) in der Lage, neue Zellen zu bilden. Alle schon ausdifferenzierten Zellen an der Schnittfläche zur Astmitte hin sterben hingegen ab. Und alles was tot ist, wird in der Natur früher oder später durch Bakterien und Pilze zersetzt bzw. in seine Grundbausteine zerlegt und löst sich auf.

Verletzung beim Baum verheilt nicht

Beim Menschen kann sich Gewebe bis zu einem gewissen Grade wieder neu bilden. Altes Gewebe löst sich auf und wird wieder identisch hergestellt. Die Wunde „heilt“. Eine Verletzung der Fingerkuppe beispielsweise ist irgendwann komplett verheilt und nicht mehr zu sehen, ja sogar identisch wieder hergestellt. Es ist jedem Kind bekannt, dass der Fingerabdruck ein Leben lang gleich bleibt. Bei einem Baum hingegen verheilt eine Wunde nicht. Zellen die tot sind, bleiben an Ort und Stelle, bis sie zersetzt sind. Übrig bleibt am Ende ein Loch.

Aber auch beim Menschen verheilt nicht alles. Ein Bein kann nicht nachwachsen. Das kann der Baum besser. Er kann nachwachsen, aber nicht wie bei der Fingerverletzung durch identische Replikation, durch Austauschen der alten Zellen durch eine identische Ersatzzelle oder durch Reparatur, sondern er baut einfach einen neuen anderen Ast an die Stelle und füllt damit lediglich den leeren „Baumraum“ aus. Bildlich gesprochen repariert ein Baum nicht die kaputte Mauer, sondern lässt die kaputte Mauer stehen und baut einfach eine neue Mauer drum herum. Diese Aufgabe übernimmt der Kambiumzylinder.

Wird ein Ast abgesägt, legt das Kambium einfach die nächste Schicht um den abgesägten Ast herum. Der Baum wird deshalb weiterhin dicker, das Holz aber, das bisher da war und nun abgestorben ist, wird zersetzt und der Baum wird nach einiger Zeit an dieser Stelle hohl. Alles Splintholz, was zum Zeitpunkt des Schnitts vorhanden war, ist ab dem Schnittzeitpunkt tot. Das Kambium muss also erst wieder neues Splintholz bilden und das kann es nur durch Anbau nicht durch das Ersetzen von Zellen. Am Holzquerschnitt kann man deshalb später durch Zählen der aktiven Jahrringe oft ablesen und nachvollziehen, wann der Baum verletzt oder geschnitten wurde. Denn das aktive Holz lässt sich leicht von dem toten und in Zersetzung befindlichen Holz unterscheiden. Oft erkennt man sogar eine Abschottungslinie, die der Baum nach dem Schnitt gebildet hat, um sich vor den Mikroorganismen im toten Holz zu schützen (Abschottungszone).

Das funktioniert aber nur, wenn das Kambium nicht abstirbt und aktiv bleibt. Vielen Bäumen gelingt es so, über Jahre, oft Jahrzehnte, die Grenze zwischen den nach dem Schnitt neu gebildeten Zellen und dem abgestorbenen Splintholz abzugrenzen und dem Angriff von Pilzen und Bakterien zu trotzen. D.h. das alte Holz wird zersetzt, nicht jedoch das neu gebildete Holz. Deshalb ist es wichtig, die neugebildeten Zellen und die neugebildete Schutzzone nicht wieder zu verletzen.

Diese Zellen werden jedoch nach und nach älter und der Schutz wird schwächer. Irgendwann hält diese Schutzmauer nicht mehr und Pilze und Bakterien rücken von innen nach außen nach. Ein Wettlauf zwischen Zuwachs und innerer Zersetzung beginnt. Deshalb ist es so wichtig, alte Bäume vital zu halten, damit sie genug zuwachsen, um so den Schadorganismen gewissermaßen davon wachsen zu können.

Wundermittel Wundverschluss

Mit dem Aufbringen von Wundverschlussmittel glaubte man in früheren Jahren (manche glauben es auch heute noch), diese Fäule stoppen zu können. Das ist ein Trugschluss. Sie kann nur aufgehalten werden, wenn die Schnittstelle von außen her schnell genug überwachsen wird. Das funktioniert aber nur bei kleinen Schnittstellen und meist ist das tote Holz dahinter zwar noch lange hart und vorhanden, trägt aber statisch nicht zur Stabilität bei.

Bleibt die Frage: Warum wirkt Wundverschlussmittel nicht?

Die Idee dahinter war, einen Schutzfilm über die Schnittstelle zu legen, damit Pilze und Bakterien nicht an das abgestorbene Holz gelangen und es abbauen können. Das kann man aber leider nicht so einfach verhindern. Zum einen bilden sich durch wechselnde Bedingungen wie Sonne und Regen immer wieder Risse im Wundverschlussmittel. Hier können die Sporen der Mikroorganismen eindringen. Zum anderen sind Sporen schon im Holz vorhanden. Die Mikroorganismen freuen sich über das konstante Mikroklima unter dem Schutzfilm des Wundverschlussmittels und können so bequem und ungestört das Holz zersetzen. Der Baum ist ein lebendiges Stück Holz. Er lässt sich nicht einfach imprägnieren (in Gift einlegen) wie ein Stück totes Holz. Selbst imprägniertes totes Bauholz hält nicht ewig und wird nach und nach zersetzt, sobald Feuchte und Wärme zusammenspielen.

Wo ist Wundverschlussmittel nützlich?

Es gibt einige wenige Ausnahmen, wann Wundverschlussmittel nützlich sein kann. Zum einen dann, wenn Rinde abgeplatzt ist und die Kambiumschicht ungeschützt offen liegt. Hier kann Wundverschlussmittel ein Austrocknen des Kambiums verhindern, sodass dieses nach und nach neue Rinde bilden kann. Noch besser ist es, solche Stellen mit schwarzer Folie abzudecken, bis eine Neubildung der Rinde stattgefunden hat.

Ein weiteres Einsatzgebiet von Wundverschlussmittel gibt es bei Schnitt im frühen Winter. Durch Schnitt wird das Kambium offen gelegt. Aufgrund der Kälte ist im Winter die Zellteilung im Kambium nahezu eingestellt. Bringt man ein Schutzmittel am äußeren Ring auf (dort wo die Kambiumschicht ist), kann man das Eintrocknen und Absterben dieser Zellteilungs-Schicht, d. h. das Zurücktrocknen, bis zum Frühjahr eindämmen. Sobald aber das Wachstum wieder eingesetzt hat, ist das Wundverschlussmittel eher hinderlich als nützlich. Deshalb nur den äußeren Ring (Rinde und Kambium) mit dem Wundverschlussmittel abdecken. Das Aufbringen des Wundverschlussmittels kann Fäule oder das Rücktrocknen nicht komplett verhindern. Viel wichtiger ist es, auf andere Faktoren zu achten wie beispielsweise die richtige Schnittführung und die Schnittzeit.

Wie reagiert der Baum auf den Schnitt?

An der Schnittstelle beginnt sich die Fäule im alten Splintholz auszubreiten, von der Schnittstelle hinein in den Stamm, zum ursprünglichen Knospenansatz. Das Kambium versucht neue Schichten anzulegen und hält den Baum oder Ast durch Dickenzuwachs tragfähig. Das kann jahrelang gut gehen. Ist aber die Schutzzone nicht mehr wirksam, gibt es ein Wettrennen zwischen dem Zuwachs durch das Kambium und dem Abbau durch Mikroorganismen.

Jeder Schnitt ist eine Verletzung des Baumes. Meist treiben um die Schnittstelle herum neue Äste aus der Rinde. Diese entspringen Knospen, die in der Rinde schon angelegt waren und durch die Verletzung zum Austrieb angeregt werden (Schlafende Knospen). Diese oft als Stockausschläge bezeichneten Äste, nenne ich „Sekundäräste“. Sie sind statisch schlecht verankert und brechen leicht aus, weil sie aus der Rinde gewachsen sind. Sie sind nicht von Anfang an mit jedem Jahrring fest verwoben. Wer also die von Anfang an entstandenen älteren Äste („Primäräste“) absägt, der schafft nicht nur große Faulherde, sondern sorgt auch dafür, dass die neu herangewachsenen Äste, sofern sie groß und schwer werden, leichter ausbrechen, weil diese nur an der Rinde „kleben“. Die Stärke der neu gebildeten Äste bzw. die Stärke des Wachstums der neuen Äste hängt unter anderem auch davon ab, wann, wo und wie viel geschnitten wurde.

Das wichtigste in Kürze, so geht es richtig:

Die richtige Schnittführung

Viel wichtiger als ein Wundverschlussmittel ist der richtig angesetzte Schnitt. Dazu muss man etwas weiter ausholen. Vereinfacht ausgedrückt gilt: Beim Schnitt nur das Gewebe verletzen, das zum Ast gehört, den man abschneidet.

Bei den meisten Astverzweigungen ist ein deutlicher Wulst zu sehen. Dieser Wulst entsteht, weil sich das Gewebe des dickeren Astes um den untergeordneten Ast legt. Schneidet man den untergeordneten Ast weg, dann sollte man tunlichst diesen Wulst nicht verletzen und vor diesem Wulst schneiden. Das Gewebe des abgeschnittenen Astes ist tot und fault. Wenn man sich an die richtige Schnittführung hält, macht das erst mal nichts, weil im entstehenden Astloch nur das Gewebe fault, das dem weggeschnittenen Ast zugeordnet war. Der Schnitt sollte so nahe wie möglich an dem Wulst erfolgen, ohne diesen jedoch zu verletzen. Die nächsten Jahrringe und Zuwächse sorgen dafür, dass der Schnitt nach und nach überwachsen und im besten Fall auch abgeschottet wird von der Außenwelt. Das Gewebe an der Schnittstelle und die zum Ast gehörenden Leitungsbahnen sind aber unwiderruflich zerstört und tot. Früher oder später werden sie zersetzt. Übrig bleibt eine Fäule und am Ende ein Astloch oder eine Baumhöhle, egal ob Wundverschlussmittel darauf geschmiert oder ein Dach über die Schnittstelle gezimmert wird.

Beruhigend ist aber, dass man sich auch dann, wenn die Schnittfläche nicht überwachsen wird, bei richtiger Schnittführung nicht allzu viele Sorgen um die Faulstelle machen muss, sofern beim Schnitt nur das Gewebe des abgeschnittenen Astes verletzt wurde.

Literaturtipps Kronenschnitt:

Die richtige Schnittzeit

Um auf eine Verletzung zu reagieren, braucht der Baum Energie und Baustoffe. Zum einen, um an der Schnittstelle neue Zellen zu bilden und eine Schutzmauer zum abgestorbenen Gewebe aufzubauen, aber auch, um neue Äste wachsen zu lassen. Energie und Baustoffe stehen nicht zu jeder Jahreszeit gleich und unendlich zur Verfügung. Vom Schnittzeitpunkt hängt es ab, ob Reservestoffe im Baum zur Verfügung stehen oder vorhandene Blätter ihre Produktion umleiten können.

Die Schnittzeit ist ein entscheidender Faktor für die Auswirkungen auf die Gesundheit des Baumes. Durch Schnitt ausgangs Winter oder während der Vegetation, kann man beispielsweise dem Rücktrocknen der Kambiumzellen entgegen wirken. Das Kambium ist in der Winterzeit in seiner Aktivität stark eingeschränkt und deshalb wenig handlungsfähig, kann also erst mal keine Schutzzone aufbauen. Früher Winterschnitt verlängert diese „wehrlose“ Zeit, später Winterschnitt verkürzt sie. Deshalb empfiehlt man in der Baumpflege meist, während der Vegetationszeit zu schneiden, weil das Kambium in dieser Zeit aktiv ist. Allerdings ist es nicht so einfach, wie es zunächst aussieht. Denn mit dem Schnitt greift man in ein kompliziertes Stoffwechselgefüge ein. Der Baum reagiert auf den Schnitt zu jeder Jahreszeit anders. Beim Schnitt muss man also wissen, was der Baum zu dieser Jahreszeit gerade macht und was der Schnitt im Baum zu dieser Jahreszeit bewirkt.

Im Winter hat der Baum mehr Reservestoffe verfügbar als während der Vegetation. Während der Vegetation können die restlich vorhandenen Blätter die notwendigen Bausteine für eine Abwehrreaktion und Neuzuwachs liefern. Das ist im Frühjahr nach dem Austrieb besser möglich als im Herbst. Blätter können aber nicht unendlich Energie und Baustoffe liefern. Auch sie haben eine begrenzte Produktionskapazität. Die Bausteine und Energie sind je nach Jahreszeit für unterschiedliche Aufgaben vorgesehen. Es ist hier ähnlich wie mit dem Monatslohn: Zu Jahresbeginn sind es die Rechnungen der Versicherungen, am Monatsanfang die Miete und im Sommer der Urlaub, der neben den sonstigen Notwendigkeiten bezahlt werden will. Tritt ein unvorhergesehenes Ereignis ein, z.B. eine kaputte Waschmaschine, muss Geld bereitgestellt werden, das eigentlich für andere Dinge gedacht war. Auch der Baum muss Prioritäten setzen, wenn es darum geht, die Energie und Baustoffe zu verteilen. Wo die Prioritäten liegen, das ist von vielen Faktoren abhängig und unterscheidet sich auch von Jahreszeit zu Jahreszeit.

Primäräste möglichst erhalten!

Einen Ast, der aus den Knospen eines einjährigen Astes hervorgegangen ist, nenne ich „Primärast“. Die Entwicklung der Primäräste ist folgende: Im ersten Jahr wird ein Ast gebildet (Längenwachstum – nur im ersten Jahr). Jeder einjährige Ast hat seitlich und an der Spitze Knospen. Aus diesen Knospen entstehen die nächsten Äste usw. Jedes Jahr wird der aus einer dieser Knospen entstandene Ast mit dem neugebildeten Jahrring des dicker werdenden Ausgangs-Astes verzahnt. Diese Astverbindungen sind am stabilsten, weil sie Jahr um Jahr mit dem Zuwachs des Astes, aus dem sie hervorgegangen sind, verwoben werden. Deshalb sollte man große Bäume nicht einfach kappen, d. h. Primäräste einkürzen (mit Kappung bezeichnet man das Durchtrennen bzw. Kürzen eines stärkeren Astes). Man tauscht damit nur stabile Primäräste gegen die nachwachsenden unstabilen Sekundäräste aus. Ein höherer Pflegeaufwand ist die Folge. Der Baum wird dichter und die Äste unstabiler. Der „Dreck“, wie herabfallende Blätter im Herbst oft bezeichnet werden, wird durch das Kappen der Bäume mittelfristig nicht weniger, der Baum bleibt nur kurzfristig klein, aber der Pflegeaufwand und die Unstabilität nehmen zu, die Lebenserwartung der Bäume hingegen nimmt ab.

Die meisten Laien glauben, sie könnten Bäume klein halten, wenn sie Äste einfach um die Hälfte herunter kappen oder einkürzen. Das ist ein Trugschluss. Wenn Sie das auch geglaubt haben, so trösten Sie sich. Vor diesem Trugschluss ist nicht einmal eine renommierte Zeitung wie die ZEIT gefeit. Im August 2013 wurde ein Artikel veröffentlicht, der das leider eindrucksvoll beweist. Eigentlich war die erste Reaktion des Autors und der erste Eindruck richtig: Der Baum tat ihm leid. Doch danach ließ er sich täuschen. Denn das dichte grüne Blattwerk täuscht vor, alles sei in Ordnung. Der Autor freut sich im Bericht, dass der Baum wieder zu alter Größe findet. Aber warum den Baum erst kürzen, wenn man danach wieder froh ist, dass er zu alter Größe zurück findet, der Baum zudem an Stabilität eingebüßt hat, der „Dreck“ gleich bleibt (die Anzahl der dicht stehenden Blätter ist nicht wesentlich gesunken) und der Pflegeaufwand aufgrund der zunehmenden Faulstellen und unstabilen Sekundärästen von Jahr zu Jahr höher wird?

Die schon erwähnte Bildung von Faulstellen und unstabilen Astverbindungen ist die unausweichliche Folge dieser in der ZEIT abgebildeten Schnittmaßnahme. Weil die Bäume aber deshalb meist nicht sofort sterben, sondern einfach neu austreiben und sich wieder grüne Blätter bilden, wird es von den meisten Laien (und leider auch von der Presse) nicht als Problem erkannt. Der Baum wächst schließlich wieder und wird größer und ist im Sommer wieder grün. So kann er sich einige Jahre, oft Jahrzehnte halten und alles scheint in Ordnung zu sein.

Ist es aber nicht! Die Probleme der Faulstellen bleiben, die Astbruchgefahr steigt und das Lebensalter des Baumes sinkt. Statt 200 Jahre sieht ein Baum dann eben schon mit 60 Jahren (bei vielen Bäumen noch die junge Erwachsenenphase) aus wie ein alter Baum und wir erkennen die Probleme nicht, weil wir gar nicht in so langen Zyklen denken. Ursache und Wirkung sind so weit voneinander entfernt, dass meist kein Schuldiger mehr ermittelt werden kann. Das ist das große Problem in der Baumpflege und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben.

Was soll der Fachmann beispielsweise sagen, wenn er bei einem 20-jährigen Baum eine Maßnahme durchführen soll, die die Lebenserwartung des Baumes von 200 auf 60 Jahre verkürzt, er zudem auch nicht sicher sagen kann, wie stark sich das Leben des Baumes durch die Maßnahme verkürzt? Welcher Mensch kann die nächsten 40 Jahre überblicken? Solange ist kaum jemand in der Branche beschäftigt. Wer mag es beurteilen, ob es falsch ist, einen Baum zu kappen, der dann zum grünwuchernden Unkraut wird mit einer verkürzten Lebenszeit? Was soll der Baumpfleger sagen oder tun, wenn es dem Besitzer des Baumes nicht wichtig ist, dass der Baum 200 Jahre alt wird? Dies zu beantworten ist mühsam oder gar nicht möglich. Garten ist Gestaltung. Pflanzen sind im Garten Gestaltungselement, vom Menschen dazu bestimmt. Er setzt sie ein, pflegt sie und bestimmt, wie lange er sie haben will. Der nächste Grundstücksbesitzer will es anders haben und gestaltet um. Der Mensch alleine entscheidet. Und der Baum macht, was er bei einem natürlichen Schaden auch machen würde: Er versucht mit seinen Mechanismen, so lange wie möglich zu überleben.

Fazit

Nur schneiden, wenn es wirklich Gründe dafür gibt. Primäräste möglichst erhalten. Beim Schnitt nur das Gewebe von dem Ast verletzen, der entfernt wird. Wer den Baum klein halten will, der sollte sich von einem Baumpfleger im Peripheriebereich die Äste auslichten und ein wenig zurücknehmen lassen (nicht einkürzen). Der Baum treibt dann weniger stark in der Peripherie, als er dies bei Kappungen tun würde und wächst nicht mehr unbegrenzt in die Höhe. Die Primäräste bleiben Großteils erhalten, was die Stabilität erhält. Merke: Dauerhaft kann man einen Baum nicht um die Hälfte einkürzen, ohne den Baum zu schädigen. Da hilft auch kein Wundverschlussmittel.

Der Autor: Johannes Bilharz

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