Mehrer Bücher aus Holz, teilweise geöffnet

Hölzernere Bibliotheken

Xylotheken – Ein ganzer Baum im Buch

Xylotheken sammeln Wissen über eine Baumart in einzigartig kompakter Form. Sie bestehen, wie auch ein richtiges Buch, aus Holz. Beim Buch aus der Bibliothek ist das Holz aufwendig zu Papier weiterverarbeitet, bevor es eine Maschine mit Wissen in Worten bedruckt. In einer Xylothek ist dagegen der Baum selbst zu einer buchförmigen Holzschachtel weiterverarbeitet. In ihr befinden sich die ganzen Merkmale einer Baumart.

Ein „Holzbuch“ pro Baumart

Xylothek leitet sich von den griechischen Wörtern „xylon“ für Holz und „theke“ für Aufbewahrungsort ab. Die hölzernere Bibliothek widmet jeder Baumart ein eigenes „Holzbuch“ und bildet den gesamten Lebenszyklus ab. Egal ob Nadel- oder Laubholz, Strauch oder Baum, die heimischen Gehölze von Ahorn bis Zirbe finden sich den Sammlungen.

Die Hülle eines solchen Scheinbuches in der Xylothek besteht aus dem Stammholz eines Baumes. Sie ist in Buchform oder als kleine Schachtel geschnitzt oder gesägt und lässt sich oft wie ein Buch aufklappen. Im Inneren findet der „Leser“ alle charakteristischen Dinge der Baum- oder Strauchart. Dazu gehören Blätter, Blüten, Früchte, Samen oder Zweige, aber auch typische Schädlinge oder Pilze der Baumart liegen in der Box.

In ausgefeilteren Xylotheken finden sich gleich große Holzwürfel und Informationen zu Gewicht und Dichte. Spätere Serien verfügen in kleinen Dosen oder Boxen auch über Holzkohle, Hobelspäne, Sägemehl, Holzasche oder Pollen. Die Rinde des Baumes bildet den Rücken des Holzbuches, der oft mit einem kleinen Schild mit Namen und botanischer Bezeichnung versehen ist. Vereinzelt haben die Bücher auch kleine Fächer oder Schubladen in denen weitere Informationen in Schriftform gesammelt sind.

Foto: 1,2) Museum Wald und Umwelt Ebersberg 3) J. Böhm

Geschichte der Xylothek

Bereits im Mittelalter begangen Mönche damit, Pflanzen zu sammeln und in Form von Herbarien anzulegen. Mit der beginnenden Aufklärung im 18. Jahrhundert erfassten Wissenschaftler die Natur systematisch. In Naturkabinetten legten die ersten Forscher umfangreiche Sammlungen der Flora und Fauna an. Zur gleichen Zeit entwickelte sich ebenfalls die Forstwirtschaft. Ihr Ziel war es, durch Pflanzungen und Pflegemaßnahmen in den Wäldern der Holznot jener Zeit entgegen zu wirken. Hier entstanden als Arbeitsmittel weitere Holzsammlungen, aus denen sich später die großen Xylotheken entwickelten.

Einige der bekanntesten Xylotheken sind noch heute mit den Personen verbunden, die sie anlegten und fertigten. Ab circa 1780 begann Carl Schildbach mit den ersten Bänden der Schildbachschen Holzbibliothek. Sie zählt heute mit 530 „Büchern“ zu den umfangreichsten und bedeutsamsten Xylotheken im deutschsprachigen Raum. Ein weiterer wichtiger Vertreter war der Benediktiner-Mönch Candid Huber. Neben seiner eigenen über 100 Bände umfassenden Xylothek, war er einer der ersten, der die Holzbücher in Serie auf den Markt brachte und verkaufte. Die große Anzahl an Büchern von Huber lässt darauf schließen, dass er mehrere Helfer bei der Herstellung seiner Bücher hatte.

Kurze Blütezeit im 18. & 19. Jahrhundert

Um die Jahrhundertwende brachte der Nürnberger Verleger Georg Hieronymus Bestelmeyer nach Hubers Vorbild eine aufwändigere und teurere „Deutsche Holzbibliothek“ in 80 Bänden auf den Markt. Diese entwickelte der als Urheber der Serie geltende Botanikprofessor Carl von Hinterlang stetig weiter, so dass die Bücher pro Baumart deutlich umfangreicher wurden. Die Holzbücher kauften nicht nur Wissenschaftler und Förster. Vielmehr lag ihr Erfolg auch darin begründet, dass die schönen und wertvollen Holzbücher unter Adligen und Wohlhabenden als repräsentatives Statusobjekt galten.

Ihre Blütezeit erlebten die Xylotheken im 18. Jahrhundert, bereits mit dem beginnenden 19. Jahrhundert lies das Interesse an den Holzbibliotheken nach. Weder als Statussymbol, noch als wissenschaftliche Arbeitsgrundlage waren die aufwendigen Bücher von Interesse und gerieten lange Zeit in Vergessenheit.

Xylotheken im 21. Jahrhundert

Heute sind die klassischen Holzbibliotheken in Buchform teilweise in Museen zu finden. Im Museum Wald und Umwelt Ebersberg finden Interessierte eine große Sammlung von Büchern von Candid Huber, inklusive einer ausführlichen Würdigung seiner Person. Auf Burg Guttenberg oder in der Benediktinerabtei Neresheim gibt es weitere seiner Werke zu bestaunen. Die Sammlung von Carl Schildbach ist im Naturkundemuseum Kassel zu besichtigen. Eine weitere große Xylothek ist die Hohenheimer Holzbibliothek, bestehend aus zwei Teilserien mit insgesamt fast 200 Exemplaren.

Doch auch moderne Holzbibliotheken lassen sich heutzutage finden. Neue private Sammlungen entstehen als Hobby nach historischen Prinzip. Ebenso ist das Konzept interessant für Waldkindergärten, Waldpädagogen oder für die Naturbildung. Die Wissenschaft sammelt ebenfalls noch weiter Hölzer und Baummerkmale, aber nicht mehr in der klassischen Form der Xylothek. Heutige Sammlungen, wie die der Holzforschung München umfassen 10.000 Holzmuster und 22.000 Dünnschnittpräparate von mehr als 5.000 Gehölzarten. Oft ergänzen die klassischen Xylotheken diese modernen Bibliotheken.

Der Autor: Jan Böhm

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