Warum schneidet man Obstbäume im Winter?

Warum schneidet man Obstbäume im Winter?

Zunächst ist es nicht der Obstbaum an sich, der einen Winterschnitt bevorzugt, sondern der Besitzer. Diesem darf man unterstellen, dass er einen vitalen Baum haben möchte, der regelmäßig blüht und fruchtet. Sicherlich gibt es noch viel mehr Ansprüche, die ein Obstbaum-Besitzer an den Baum hat, wie z. B. Langlebigkeit, Form,oder Begrenzung der Höhe. Beschränkt man sich auf die klassischen Ziele wie regelmäßiges Blühen und Fruchten, dann muss dern Wuchs von jungen Trieben gefördert werden. Denn alle Bäume fruchten an einjährigen Trieben!

Ja, Sie haben richtig gelesen! Weil diese Triebe bei vielen Obstarten besonders zahlreich an zweijährigen Trieben sitzen, spricht man auch davon, dass z. B. Äpfel besonders an den Zwei- und Dreijährigen fruchten. Die Blüte selbst sitzt aber immer an den Einjährigen. Diese können wenige Millimeter bis viele Zentimeter lang sein. Sie sitzen bei Steinobst (Kirsche, Zwetschgen, Pfirsich) an den seitlichen Knospen, bei Kernobst (Apfel, Birne) an der Spitzenknospe der im Vorjahr gewachsenen Triebe (einjährig). Bei Quitte, Holunder oder Himbeere befinden sich die Blüten endständig an den diesjährig gewachsenen Trieben.

Wird im Winter im Feinastbereich geschnitten, werden nur wenige Reservestoffe vernichtet, weil diese in den dicken Ast- und Stammpartien und in der Wurzel gespeichert sind. Im Frühjahr sorgen diese Reservestoffe dann für kräftigen Neuaustrieb. Grund: Wenn ein Großteil der Feinäste entfernt wurde, verteilen sich die Reservestoffe auf weniger Äste, weshalb der Austrieb sich auf diese wenigen Äste konzentriert und deshalb sehr stark ausfallen wird. Gelingt es, so zu schneiden, dass die Reservestoffe gleichmäßig auf die Knospen verteilt werden, fördert dies ein gesundes Wachstum der nächsten Triebgeneration. Gelingt dies nicht, dann gibt es viele unnötige oder unerwünschte Wasserschosse.

Schneidet man wiederum im Frühjahr nach dem Laubaustrieb, behindert man die Fruchtentwicklung und stört die sensible Phase der Neutriebbildung. Genutzt wird diese Zeit beim Ziehen von Kunstformen wie Palmetten oder Kordons. Dort wird viel mit alten, verzweigten Fruchtästen gearbeitet. Die starke Verzweigung erhält man, indem man in dieser frühen Wachstumsphase die jungen Triebe mehrfach anschneidet (pinziert). Durch diesen Anschnitt werden die Nebenknopsen zum Austrieb angeregt. Die Trieblänge bleibt jedoch gering. Das ist sehr aufwändig und fördert sogenanntes „altes Fruchtholz“. Heute bevorzugt man im Obstbau lieber junge, kräftige Triebe. Diese unterliegen nicht so sehr der Alternanz. Der Schnitt wird deshalb in dieser Vegetationsphase unterlassen.

Sommerschnitt ist im Obstbau eine Spezialmaßnahme. Einjährige Triebe, die man im Winter sowieso wegschneiden würde, werden entfernt. Dadurch werden die Früchte am mehrjährigen Holz besser belichtet und können optimal ausreifen. Viele schneiden diese Triebe nicht, sondern reißen sie ab (Sommerriss), um die an der Astbasis liegenden schlafenden Augen mit zu entfernen. Diese könnten sonst unerwünschten Austrieb verursachen. Wer keine Angst vor Neuaustrieben hat, der nutzt die schlafenden Augen an der Astbasis, um permanente Neutriebbildung sicherzustellen. Schließlich bringt der Neuaustrieb die Blüten von morgen. Sie erinnern sich daran, wo diese Blüten sitzen?

 

Der Autor: Johannes Bilharz (E-Mail)

 

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