Schnittzeitempfehlung in der ZTV – Änderungsvorschlag

Schnittzeitempfehlung in der ZTV – Änderungsvorschlag

Die ZTV Baumpflege:

Dem Berufsstand der Baumpflege und potentiellen Auftraggebern wurde mit der ZTV Baumpflege ein Regelwerk an die Hand gegeben, in dem Begriffe zur Baumpflege, aber auch Anforderungen an Leistungen definiert sind. Das ist hilfreich, um bei Ausschreibungen für Leistungsbeschreibungen eine allgemein anerkannte Vertragsgrundlage zu haben. Es erleichtert auch die Kontrolle der ausgeführten Leistungen und die Abrechnung.

Kritik an der Schnittzeitempfehlung der ZTV Baumpflege

Bisher gibt es in der ZTV nur einen kleinen fast unbedeutenden Absatz zum Thema Schnittzeit („Ausführungszeit“, S. 19): „Durch Schnittmaßnahmen treten die geringsten Folgeschäden auf, wenn sie während der Vegetationszeit ausgeführt werden, da Wunden dann besser abgeschottet werden und schneller überwallen.“ Diese kurze Aussage suggeriert mindestens zwei falsche Schlussfolgerungen:

  1. Der Grad der Abschottung und der Umfang der Kallusbildung bestimmen maßgeblich den Folgeschaden. Das ist falsch!
  2. Folgeschäden hielten sich automatisch gering bei Schnitt während der Vegetationszeit. Auch das ist falsch!

Deshalb bedarf es einer dringenden Änderung und Korrektur der ZTV Baumpflege beim Thema Schnittzeit!

Die bisherigen Untersuchungen belegen sicherlich, dass die Schnelligkeit von Abschottung und Kallusbildung Einfluss auf den Grad der Schädigung hat. Ich kenne aber keine Untersuchung, die ausreichend belegt, welchen Einfluss die Schnittzeit auf langfristige Schäden hat und welche Bedeutung Schäden durch die Schnittzeit im Vergleich zu Schäden durch andere Einflüsse haben (siehe dazu auch meine Kritik an einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Schnittzeit). Es fehlen auch Untersuchungen wie sich diese Schäden im Lauf der Jahre entwickeln. Eigene Beobachtungen lassen vermuten, dass sich der Grad der Schäden im Lauf der Jahre z. T. egalisiert, unabhängig von der Schnittzeit.

Untersucht ist meines Wissens auch noch nicht hinreichend, welchen Einfluss Kombinationen unterschiedlicher Faktoren auf den Grad der Schädigung haben. Beispiele: Macht es einen Unterschied, ob ein Jungbaum oder ein 200-jähriger Altbaum im August geschnitten wird? Spielen latente Vorinfektionen eine Rolle, vielleicht noch bei unterschiedlichen Baumarten, in unterschiedlichen Altersstadien, an unterschiedlichen Standorten, bei unterschiedlichen Schnittstärken und unterschiedlichen Vitalitätsstufen? Schwierig zu ermitteln, zugegeben. Aber die Natur ist nun einmal komplex, auch wenn wir es manchmal gerne einfacher hätten. Es ist zu erwarten, dass der Grad der Schädigung immer von verschiedenen Wechselwirkungen abhängt. Was nützt es dem Samen, wenn er zwar gesund ist, aber kein Wasser zur Verfügung hat, so dass er keimen kann? Selbst nicht als schädlich eingestufte Faktoren können unter bestimmtem Einfluss schädigend wirken. Methan ist beispielsweise als chemische Substanz nicht schädlich für Bäume. Wenn sich aber im Boden Methan ausbreitet, dann wird der Sauerstoffgehalt verdrängt und die Wurzeln ersticken. Eigentlich schädigt also nicht das Methan, sondern der fehlende Sauerstoff. Wechselwirkungen sind vielfältig.

So ist es auch mit der Abschottung und Kallusbildung. Der Schnittzeitpunkt kann nicht nur auf diese beiden Themenkomplexe reduziert werden. Wenn einem altersschwachen Baum (vielleicht ein 300-jähriges Naturdenkmal) durch „Sommerschnitt“ die Einlagerung von Reservestoffen verwehrt wird, was nützt es dann dem Baum, dass er während der Vegetation geschnitten wurde, aber in der für die Reservestoffeinlagerung sensibelsten Zeit? Er wird bei einem strengen Winter nicht genügend Kraft (Reservestoffe) haben, um diesen zu überstehen. Spätestens im Frühjahr fehlt ihm die Kraft für den Austrieb. Wer in der Natur keine Kraft hat, der verliert. Was nützt dem Baum dann eine schnelle Abschottung? Zugegeben: Wenn umgekehrt bei großen Schnitten oder Kappungen am Wundrand Adventivtriebe sprießen, die aber nur oberflächlich an der Rinde angebunden sind, dadurch keine Belastung aushalten und deshalb leicht ausbrechen, nützen Reservestoffe oder Vitalität nichts. In diesem Fall sind nicht die Reservestoffe das Entscheidende, sondern es wäre wichtiger, beim Schnitt darauf zu achten, Kappungen zu vermeiden und stabile Primäräste zu erhalten. Die Schnittzeit spielt natürlich immer eine Rolle, es bleibt nur die Frage, welche genau im jeweiligen Einzelfall.

Mit dieser Darlegung dürfte klar sein, dass die Aussage der ZTV in dieser simplen Form falsch ist.

Mein Vorschlag für eine Änderung der Schnittzeitempfehlung in der ZTV Baumpflege zur Diskussion

Ich schlage eine Zweifach-Strategie vor: Der Hinweis in der ZTV Baumpflege zur Schnittzeit wird allgemein gehalten. Das Thema ist zu umfangreich, als dass konkrete, detaillierte Empfehlungen für alle erdenklichen Fälle hier aufgeführt werden könnten. Dafür ist die ZTV Baumpflege nicht der richtige Platz. Sie ist kein Lehrbuch. Zusätzlich dazu wird ein Arbeitskreis gebildet, ähnlich dem bei der GALK (Gartenamtsleiterkonferenz; der Arbeitskreis bei der GALK erstellt eine Empfehlungsliste für geeignete Straßenbäume und gibt diese an alle Kommunen weiter). Ein solcher Arbeitskreis könnte für konkrete Baumschnitt-Projekte eine Sammlung von Empfehlungen erstellen. Diese Sammlung müsste permanent überprüft und weiterentwickelt werden. Gerade weil dieses Thema so stark von Erfahrungen abhängig ist, müsste die Liste immer wieder neuen Erkenntnissen angepasst werden. Die ZTV Baumpflege weist im allgemein gehaltenen Text auf diese Empfehlungsliste hin.

Änderungsvorschlag vom 1. März 2013 für den Abschnitt über die Schnittzeit in der ZTV Baumpflege in der Fassung 2006 zur Diskussion:

Schnittzeit

Schnittmaßnahmen greifen immer in die Physiologie des Baumes ein. Der Baumpfleger muss deshalb wissen, dass die Wirkung eines Baumschnitts immer von dessen Zeitpunkt abhängt, da sich der physiologische Zustand eines Baumes im Jahresverlauf permanent ändert (Vegetationszyklus). Dazu sind Kenntnisse der Baumart, des -alters und -zustands erforderlich. Der Baumpfleger muss wissen, dass eine fachgerechte Maßnahme nicht per se gut oder schlecht ist, sondern immer davon abhängt, welches Ziel erreicht werden soll und aus diesem Grund auch daran zu messen ist.

Es gibt externe Ziele, die nicht den Baum in den Vordergrund stellen und von außen vorgegeben werden (Vogelschutz, Gesetz über Verkehrssicherungspflicht, Ertrag, Nutzung, Wünsche und Vorgaben des Auftraggebers, politische Entscheidungen usw.). Diese Ziele sind nicht Inhalt der ZTV Baumpflege. Häufige Ziele bei Baumpflegemaßnahmen sind Sicherstellung der Verkehrssicherheit bei gleichzeitiger Förderung der Nachhaltigkeit sprich Langlebigkeit des Baumes.

Ziele in der Baumpflege können entweder durch Anpassung der Maßnahme an den vorgegebenen Schnittzeitpunkt (Maßnahme an den vorherrschenden physiologischen Zustand des Baumes so anpassen, dass der Schaden minimal gehalten wird) erreicht werden oder indem die für die geplante Maßnahme günstigste, physiologische Phase als Schnittzeitraum ausgewählt wird, so dass das Ziel mit der geringstmöglichen Schädigung des Baumes erreicht wird.

Dazu sind Kenntnisse über die jeweilige Baumart bezüglich Wundkallusbildung, Abschottungsverhalten, Reservestoffeinlagerung und -verfügbarkeit, Vitalität und Lebensphasen, Standort und biotische Schadfaktoren erforderlich (wahrscheinlich gibt es noch mehr baumeigene Einflussfaktoren). Derzeit gibt es dazu noch viele offenen Fragen, weil die Wechselwirkungen und die Vielfalt der Baumarten nur sehr schwer in Versuchen wissenschaftlich erforscht werden können. Auf alle Fälle darf der Reservestoffwechsel nicht unberücksichtigt bleiben.

Eine pauschale Benennung des günstigsten Schnittzeitraumes kann nicht erfolgen. Die günstigste Zeit für Baumschnitt ist von zu vielen Faktoren abhängig. Immer ist es notwendig, zuerst ein Ziel zu formulieren, bevor die Frage nach dem Schnittzeitraum oder der Maßnahme beantwortet werden kann. Winter ist nicht gleich Ruheperiode und Sommer nicht gleich die gesamte Vegetationszeit. Konkrete Schnittzeitraum-Empfehlungen lassen sich nur für konkrete Fallbeispiele benennen. Dazu können die Empfehlungen des Arbeitskreises (siehe oben) herangezogen werden.

Es sollte aber nicht versäumt werden, solche Begriffe wie z. B. Ruheperiode (Ende des Laubfalls), Vegetationsbeginn (beginnender Laub- oder Blütenaustrieb), Vegetationszeit, Sommerschnitt u. v. m. zu definieren. Eventuell könnte man sich an phänologischen Unterscheidungen orientieren.

Bei dieser Gelegenheit ist auch zu überlegen, ob nicht auch die Begriffe selbst angepasst werden sollten. Denn „Ruheperiode“ klingt z. B. sehr nach Stillstand. Das ist so aber nicht richtig. Der Baum atmet und Zellen (wie z. B. in den Knospen- und Wurzelmeristemen) entwickeln sich weiter, nur eben langsamer, je nach Wetterlage. Knospen wachsen beispielsweise stetig den ganzen Winter hindurch. Sind sie anfangs noch klein und unscheinbar, entwickeln sie sich während des Winters zu dicken „Dingern“. Wer Knospen unter dem Mikroskop analysiert, kann die Zellvermehrung sehr schön beobachten. Das ist alles andere als eine „Ruheperiode“. Auch die Wurzeln wachsen im Winter.

Der Begriff „Vegetationsbeginn“ ist ebenfalls schwierig zu fassen. Ist das Anschwellen der Knospen der Beginn? Oder ist es die Mobilisierungsphase der Reservestoffe? Ist es das Aufbrechen der Blüten- oder doch eher der Blattknospen? Beim Begriff „Sommerschnitt“ herrscht ebenfalls eine große Verwirrung. In welcher Entwicklungsphase spricht man genau von „Sommer“? Es gibt viel zu klären. Dazu wäre die ZTV Baumpflege der richtige Platz.

Die Moral von der Geschichtʼ

Dass hier noch viel im Dunkeln liegt und diese Gedanken nicht der Weisheit letzter Schluss sein können, ist mir als kritischem Autor natürlich klar. Da bleibt nur, mit praktischer und wissenschaftlicher Erfahrung und viel Ehrgeiz gemeinsam weiter daran zu arbeiten und noch mehr Erkenntnisse zu sammeln. Das muss aber in der ZTV Baumpflege und in der Baumpflege-Literatur auch unbedingt so erwähnt werden!

Die Baumpflege wurde einst durch die Untersuchungen von Shigo komplett umgekrempelt. Die Entwicklung ist leider in Sachen Baumschnittzeit so stark in nur eine Richtung gegangen, dass es nun Zeit wird, erneut die Richtung zu wechseln und sich von den in der ZTV zitierten, vereinfachten Regeln zu verabschieden. Jeder Fachmann kann mithelfen, diese Richtungsänderung mit einzuleiten. Die Laien, unsere Kunden, haben einen Anspruch darauf, nicht damit vertröstet zu werden, fünf Baumpfleger hätten eben zehn Meinungen. Das zeugt von Unkenntnis und Beliebigkeit und fördert nicht das Vertrauen in die Fachkompetenz. Die Laien und Kunden müssen sich darauf verlassen können, dass ausgebildete Baumpfleger einen einheitlichen Wissenstand besitzen.

Ich freue mich über eine rege Diskussion, schreiben Sie mir einfach eine E-Mail.

 

Der Autor: Johannes Bilharz (E-Mail)

 

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