Baumfplege-Praxis

Beispiele für den Einfluss der Schnittzeit bei der Baumpflege

Inwieweit ein Baum sich von Verletzungen erholt, hängt stark von Abschottung und Kallusbildung ab. Die Baumpflege misst diesen beiden Punkten große Bedeutung zu. Streit gibt es jedoch darüber, wie stark Abschottung und Kallusbildung von der Schnittzeit beeinflusst werden. Es gibt aber noch weitere Faktoren, die für den Grad der Folgeschäden nach Schnittmaßnahmen eine entscheidende Rolle spielen.

Beispiel aus der Baumpflegepraxis

Johannes Bilharz beschreibt einige ausgewählte Beispiele aus seiner jahrelangen Erfahrung in der Baumpflege.

Beispiel 1:

Empfindliche Knospen, Feinäste und junge Rinde

Je näher der Blattaustrieb (Ende der oft zitierten „Vegetationsruhe“) heranrückt, desto empfindlicher reagieren viele Baumarten in Bezug auf ausgebrochene neue Knospen und ablatzende Rinde. Diese Empfindlichkeit hält auch noch einige Zeit nach dem Blattaustrieb (=„Anfang der Vegetation“ und damit genau der Zeitraum, der gemeinhin auch als „während der Vegetation“ bezeichnet wird) an. Dort, wo das Ausbrechen oder Aufplatzen kein Problem darstellt oder weitgehend verhindert werden kann, ist Schnitt sicherlich problemlos möglich. Stellt es hingegen ein Problem dar, sollte man die Finger vom Schnitt lassen. Bei Obstbäumen ist das sehr gut zu beobachten. Kurz vor und nach dem Austrieb brechen Knospen, Blüten und junge Zweige sehr leicht ab. Nach dem Baumschnitt ist der Boden unter dem Baum übersät davon. Baumkletter wissen, dass sogar durch das Kletter-, das Halteseil oder den Kambiumschoner die Rinde geschädigt werden kann. Außerdem gibt es Baumarten und Zeiträume, wo die Schuhe des Kletterers bereits bei der sachtesten Berührung die Rinde beschädigen. Wie schlimm diese Beschädigungen des Phloems sind und welche langfristige Schäden das verursacht, ist nicht bekannt oder untersucht. Aber der Schaden ist zunächst einmal sichtbar vorhanden.

Beispiel 2:

Winterschnitt zwingend notwendigt

Bei Platanen gibt es aber auch bauminterne Gründe, die für einen Schnitt in der „Ruheperiode“ sprechen. Dieser empfiehlt sich, wenn sie – wie so oft – als Kopfbäume erzogen werden. Hierbei ist der Winterschnitt eigentlich zwingend notwendig, weil im belaubten Zustand bis zu 100 Prozent Assimilationsfläche vernichtet werden. Die Einlagerung von Reservestoffen wird damit ver- oder zumindest stark behindert. Werden keine oder nur geringe Reservestoffe eingelagert, fehlen diese im Frühjahr, um den komplett entfernten Feinastbereich wieder herzustellen. Leider fehlt dieser Hinweis in vielen Fachbüchern.

Am Bodenseeufer (Überlingen) gaben die dort stehenden Platanen im Oktober 2012 ein trauriges Bild ab. Gut ausgebildete Baumpfleger stutzten die Platanen im Sommer radikal zurück. Trotzdem war es nicht deren Schuld. Fachleuten und in der Literatur bringen Ihnen nach wie vor bei, Sommerschnitt sei immer besser. Im Winter sei der Schnitt ganz schlecht, weil der Baum von bösen Pilzen angegriffen würde und sich nicht wehren könne. Unerwähnt bleibt, dass auch jeder Pilz ein eigenes, ökologisches Optimum hat. In seiner Entwicklung unterliegt er der RGT-Regel und bei Kälte lassen Stoffwechselaktivität und Aggressivität nach. Oder man denke an das Infektionspotential von Schadorganismen. Deren Optimum liegt meist in der Vegetationsperiode, kann aber auch nicht einheitlich für alle bestimmt werden. Wenn ich da an die Vielzahl der Schadorganismen denke, die im Obstbau bekannt sind. Es lässt sich leicht leicht ausrechnen, dass es bei Straßen- und Parkbäumen auch nicht anders sein wird. Dort sind sie vermutlich nur nicht so gut untersucht, weil die Forschung im Obstbau – wegen der Bedeutung als Wirtschaftsfaktor – intensiver ist.

Einsamer Baum auf einer verschneiten Wiese

Aber verniedlichende Sätze wie „der Baum kann im Winter nicht reagieren“, „der Pilz …“ und so weiter sind zu platt und allgemein. Weder gibt es „den“ Baum, noch „den“ Pilz. Wir müssen schon konkreter benennen: Was? Wer? Wann? Wo? Wie?

Beispiel 3:

Das Ziel bestimmt den Schnittzeitraum

Ziel kann auch sein, eine Pflanzenart zu fördern und eine andere zurück zu drängen. Auch hier sollte man die Physiologie beachten. Wer Hartriegel vernichten möchte und ihn in der Vegetationsruhe abschneidet und entfernt schädigt den Hartriegel nicht, sondern fördert ihn. Viele Naturschutzinitiativen haben dies bei Orchideenwiesen, Magerrasen und Wachholderheiden durch Absägen im Winter gemacht. Warum? Ein Großteil der Reservestoffe spiechert der Hartriegel im Winter in den Wurzeln. Diese verbleiben im Boden und werden damit nicht vernichtet. Im Frühjahr verursachen die Reservestoffe einen starken Austrieb. Und nicht nur das: Der Schnitt reizt die Wurzeln, an vielen Stellen auszutreiben. Eine „Hydra“ par excellence. Innerhalb weniger Jahre verbuscht die Wiese mit Hartriegel. Das Gegenteil dessen also, was erreicht werden sollte.

Deutlich erfolfgreicher war der Schäfer, welcher früher den Hartriegel im Hochsommer nebenbei abgeschlagen hat. Und das mit weniger Aufwand. Denn er führt die Maßnahme zum richtigen Zeitpunkt durch: im Sommer! Das ist die Phase, in der der Hartriegel am empfindlichsten ist. Das Längenwachstum ist abgeschlossen, die Triebe reifen aus und Reservestoffe werden eingelagert. Der Schäfer schlägt die Triebe ab und der Hartriegel kann das nicht mehr durch Zuwachs ausgleichen. Dadurch ist er nicht in der Lage, Reservestoffe für den Winter und den Frühjahrsaustrieb einzulagern. Er ist zwar nach diesem einmaligen Eingriff nicht vernichtet, aber geschwächt. Fazit: Während der Naturschutz durch die Entfernung des Hartriegels im Winter das Gegenteil seines Ziels erreicht, hält der Schäfer den Hartriegel in Schach.

Beispiel 4:

Baumtod durch Sommerschnitt

Nicht nur der Hartriegel verträgt den Sommerschnitt nicht. Auf dem Gelände der Universität Hohenheim gab es in den 80er Jahren eine Nussbaumallee. Die südlich stehenden Bäume befanden sich zwischen Straße und Parkplatz. Im Zusammenhang mit einer Parkplatzrenovierung kürzte eine Fachfirma die Nussbäume auf dieser Straßenseite ein. In allen Lehrbüchern wird für Nussbäume der August als günstige Schnittzeit angegeben. Die Theorie über die Bedeutung der Reservestoffeinlagerung und das Ergebnis lassen vermuten, dass diese weit verbreitete Ansicht falsch ist. Die Bäume starben nach den Schnittmaßnahmen alle ab. Die nicht gepflegten Bäume auf der anderen Straßenseite erfreuten sich weiterhin bester Gesundheit.

Baumpfleger mit Kettensäge im Baum

Einschränkend muss gesagt werden, dass ich mir nicht hundertprozentig sicher über den genauen Zeitpunkt der Schnittmaßnahme bin. Außerdem könnte es theoretisch sein, dass die Bäume aufgrund der Baumaßnahmen eingegangen sind. Aber es war mit Sicherheit Sommer und es wurde – aus meinen Erinnerungen – nicht im Wurzelraum der Bäume gegraben, sondern der Belag des Parkplatzes erneuert. Der Rückschnitt war nach Lehrmeinung zwar fachgerecht, aber trotzdem sehr stark (ca. 30 Prozent). Für meine These spricht, dass die Bäume nicht vereinzelt eingegangen sind, sondern der gesamte Baumbestand der betroffenen Straßenseite gleichmäßig. Das lässt mich stark vermuten, dass der Schnitt und die falsche Schnittzeit den Bäumen zusetzten. Das lässt sich sicherlich in Versuchen leicht verifizieren. Für mich gilt: Hände weg von Bäumen in der Phase der Reservestoffeinlagerung. Zumindest bei starken Schnittmaßnahmen, sofern die Erhaltung des Baumbestandes im Vordergrund steht.

Beispiel 5:

Schwächung durch Schnitt – Aktio und Reaktio

Ich warne davor, die in Beispiel 3 und 4 erwähnte Schwächung von Bäumen durch Schnitt während der Reservestoffeinlagerung auszunutzen, um starkwüchsige Bäume im Wuchs zu bremsen. Eine derart rabiate, künstliche Schwächung ist immer eine Schädigung für den Baum. Junge Bäume stecken das weg. Aber warum gesunde junge Bäume künstlich zum Krüppel machen? Es gibt bessere Methoden, Bäume im Wuchs zu regulieren, als sie künstlich altern zu lassen. Wenn der Baum vital bleiben soll, muss man sich schon besserer Mittel bedienen. Mittel, die den Baum nicht nennenswert schädigen oder verschandeln. Es gibt Methoden, die Wüchsigkeit dorthin zu lenken, wo sie dem Baum nutzt und dem Menschen nicht schadet. Gezielte Förderung und nicht Schwächung ist mein bevorzugtes Behandlungskonzept bei Bäumen.

Beispiel 6

Hohe Vitalität und permanenter Zuwachs von jungem Holz

Nicht zuletzt muss deutlich erwähnt werden, dass es auch Ziel sein sollte, Bäume vital zu halten und Wachstum zu fördern. Auch wenn viele Baumbesitzer genau davor Angst haben. Wenn schon nicht bei der Baumpflege oder Parkbäumen, so ist das auf alle Fälle im Obstbau das Ziel. Denn der Obstertrag ist an ausreichend wüchsigem, jungem Holz qualitativ am wertvollsten. Aber auch im Streuobstbau wäre es durchaus angebracht, das Verhältnis von älterem Holz in Richtung Jungholz zu verschieben. Das fördert die Langlebigkeit, was wiederum auch dem Naturschutz zu Gute käme.

Zweige eines Apfelbaumes

Hiermit meine ich aber nicht die unsäglichen Methoden, welche die Literatur zu Obstbäumen mit „Verjüngungsschnitt“ beschriebt. Dabei werden Bäume im Winter gekappt, da sie anschließend wieder stark austreiben. Dieses Phänomen wird dann als „Verjüngung“ verkauft. Sicherlich sind die neu gewachsenen Wasserschosse jung und vital. Aber die gekappten Stellen faulen und hinterlassen schwere Schäden am Baum. Hier ist ganz klar „Abschottung“ ein großes Thema, was auch der Obstbau begreifen muss. Laien sollten eingreifen, wenn vermeintliche Fachleute Bäume auf diese Weise „verjüngen“ wollen.

Das Problem mit dem Ziel

Es kommt bei der Schnittzeit nicht zuletzt immer auch darauf an, welches Ziel man verfolgt. Würde ich beispielsweise bei dem Papst für Baumpilze, Herrn Prof. Francis Schwarze, Obstbäume schneiden, würde er mir vielleicht ein ungewöhnliches Ziel vorgeben. Ein Zeil, das möglichst viele schöne Exemplare des Zunderschwamms am Baum wachsen lässt. Prof. Schwarze gilt als Experte für schädliche Baumpilze. Eine junge Familie mit Kindern legt vermutlich eher Wert darauf, einen stabilen Ast für die Schaukel zu erhalten. Da hilft nur, zu verstehen, wie der Baum tickt und wie er reagiert. Dann kann man den Schnitt auch zeitlich zielgerichtet ausführen – für das Ziel des Auftraggebers und für den Baum.

Der Autor: Johannes Bilharz

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