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Baumwissen

Baumstrategien: Stabilisierung von Rissen mithilfe von Überbrückungszellen

Spitz ausgeprägte Rippe an einer Platane nach Rissbildung. © P. Klug
Spitz ausgeprägte Rippe als Hinweis auf einen noch offenen oder wiederholt aufreißenden Riss. © P. Klug

Risse in Stämmen großer Bäume können schnell zur Gefahr werden. Sie beeinträchtigen die Stabilität, sind Eintrittspforten für Schaderreger wie Pilze oder Bakterien und können die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen einschränken. Kein Wunder also, dass Bäume Strategien entwickelt haben, um Risse möglichst schnell und effizient zu schließen. Neben dem schon lange bekannten Wundkallus, der von den Wundrändern her entsteht und den Riss nach und nach schließt, bilden sich auch sogenannte Überbrückungszellen an Rissen im Stamm. Dieses fast weiß erscheinende Gewebe hilft, schmale Risse schnell zu verschließen. Diplom-Forstwirt Peter Klug zeigt auf, wo der Baum Überbrückungszellen einsetzt und wie sie sich von der Kallusbildung unterscheiden.

Risse an Bäumen

Baumeigentümer unterliegen der Verkehrssicherungspflicht, weshalb regelmäßige fachkundige Baumkontrollen erforderlich sind. Baumkontrolleure leiten aus der „Körpersprache“ eines Baumes– also seiner äußerlich erkennbaren Wuchs- und Reaktionsmerkmale – Hinweise auf dessen Zustand und Verkehrssicherheit ab. Risse oder Spaltungen an Stamm oder Ästen können die Bruchsicherheit beeinträchtigen. Anhand von Beispielen wird im Folgenden gezeigt, wie Bäume auf Rissbildungen reagieren und dadurch das Bruchrisiko vermindern können.

 

Definition eines Risses

Ein Riss ist eine schmale, längliche Öffnung oder Spalte in Rinde und/oder Holzgewebe von Ast, Stamm oder Wurzel.

Risse können klein und ohne unmittelbare Sicherheitsrelevanz sein, etwa wenn sie nur wenige Zentimeter in den Holzkörper reichen oder ausschließlich die Rinde betreffen. Durchgehende Spaltungen von Stamm oder Ast können dagegen eine akute Bruchgefahr anzeigen. Risse sind zudem Verletzungen und können Eintrittspforten für holzzersetzende Pilze sowie Ausgangspunkte weiterer Fäule sein. Werden sie vom Baum überwallt, können Rippen oder Leisten entstehen.

An beiden Rissrändern kann sich Kallusgewebe bilden, das den Riss unter günstigen Bedingungen zunehmend überwallt. Bei fortschreitender guter Überwallung entstehen stumpfe Rippen. Spitz ausgeprägte Rippen, insbesondere in Verbindung mit Schleimfluss, können darauf hinweisen, dass ein Riss noch offen ist oder wiederholt aufreißt.

Wie Überbrückungszellen Risse stabilisieren

An manchen Rissen lässt sich beobachten, dass sich über den noch offenen Spalt hinweg quer zur Rissrichtung verlaufende Zell- beziehungsweise Gewebebrücken bilden. Für die daran beteiligten, zunächst häufig hell erscheinenden Zellen wurde der Begriff „Überbrückungszellen“ vorgeschlagen. Der Begriff bezeichnet keinen eigenständigen Zelltyp, sondern hebt die besondere Anordnung und Funktion der beteiligten Zellen hervor.

Dies ist eine bemerkenswerte Reaktions- und Überlebensstrategie von Bäumen: Noch während zwischen den beiderseits gebildeten Kallusrändern ein Spalt besteht, können sich quer verlaufende, zunächst hell gefärbte Zellverbände bilden, die den Riss allmählich überbrücken.

Überbrückungszellen in der Fachsprache

Überbrückungszellen sind neu gebildete, überwiegend parenchymatische und später teilweise sekundär differenzierende Holzzellen, die aus aktivem Kambium- oder Wundgewebe quer zur ursprünglichen Faser- beziehungsweise Rissrichtung entstehen. Sie können Zellverbände oder Gewebebrücken ausbilden, die einen bestehenden Riss oder eine Spaltzone biologisch verbinden und zur mechanischen Stabilisierung beitragen. Voraussetzung ist, dass die angrenzenden Gewebe noch lebendig sind. Im weiteren Verlauf können sich daraus mechanisch wirksame Holzverbindungen entwickeln. Makroskopisch sichtbar sind nicht die einzelnen Zellen, sondern die von ihnen gebildeten Querverbindungen. Diese können noch Jahre später auf einen früheren Riss hinweisen.

Von einer rein randständigen Kallusbildung unterscheiden sich diese Strukturen dadurch, dass sie den Spalt quer überbrücken und zuvor getrennte Gewebebereiche miteinander verbinden.

Überbrückungszellen an einer Eiche

Die Entwicklung derselben Risszone an einer Eiche zwischen September 2017 und November 2018 wurde zur Veranschaulichung in Bildern dokumentiert. Die Detailaufnahmen zeigen die fortschreitende Ausbildung quer verlaufender Verbindungen bis zur geschlossenen Rippenbildung im Jahr 2026.

Schlussfolgerungen

Aus den gezeigten Beispielen lassen sich für die Praxis der Baumkontrolle folgende Schlussfolgerungen ableiten:

  • Risse und Spaltungen können die Bruchsicherheit beeinträchtigen. Sie sind hinsichtlich ihrer Lage, Tiefe und Ausdehnung sowie im Hinblick auf Rissaktivität und Reaktionswachstum zu beurteilen. Bei unklarer Sicherheitsrelevanz kann eine eingehende Untersuchung erforderlich sein.
  • Je nach Befund kann die Bruchgefahr durch eine Einkürzung des gespaltenen Astes gemindert werden. In vielen Fällen genügt dafür eine Einkürzung bei einer Aststärke von 3-10 cm. Alternativ kann die Bruchsicherheit durch eine Kronensicherung und in einzelnen Fällen mit Hilfe von Gewindestangen wiederhergestellt werden.
  • Bäume haben die hervorragende Fähigkeit, Risse mit Hilfe von Überbrückungszellen zu verschließen und damit selbst der Bruchgefahr aktiv entgegenzuwirken.
  • Ehemalige Risszonen können anhand von Rippen, Leisten oder quer verlaufenden Gewebebrücken noch Jahre später erkennbar sein. Solche sekundären Wachstumsreaktionen sind bei der Beurteilung von Rissen zu berücksichtigen.
  • Das Konzept der Überbrückungszellen ergänzt bestehende Modelle der Baumreaktion auf Verletzungen. Die Ausbildung von Überbrückungszellen weist auf einen zusätzlichen biologischen Prozess hin, bei dem zuvor getrennte Gewebebereiche wieder miteinander verbunden werden können. Damit wird ein bislang wenig beachteter Aspekt der biologischen Selbstreparatur von Bäumen beschrieben.

Autor: Peter Klug
Diplom-Forstwirt, v. RP FR ö.b.v. Sachverständiger für Baumpflege –
Verkehrssicherheit von Bäumen – Gehölzwertermittlung

Quellen:

  • Klug, P. (2026): Risse/Rippen und Wülste – gegensätzliche Bedeutungen in der Baumbeurteilung. In Klug, P. (Hrsg.) Bäume im Siedlungsbereich – Bad Boller Baumtag 2026. Arbus Verlag, Gammelshausen, S. 5-18.
  • Klug, P. (2026, in Vorbereitung): Praxis Baumkontrolle – Baumbeurteilung und Baumkataster. Arbus-Verlag, Gammelshausen, 2. Auflage
  • Klug, P. (2024): Überlebensstrategien bei Bäumen. In Klug, P. (Hrsg.) Bäume im Siedlungsbereich – Bad Boller Baumtag 2024. Arbus Verlag, Gammelshausen, S. 5-20
  • Klug, P. (2024): Praxis Baumpflege – Kronenschnitt an Bäumen. Arbus Verlag, Gammelshausen. 5. Aufl., 238 S.
  • Shigo, A.L. (1994): Moderne Baumpflege. Bernhard Thalacker Verlag, Braunschweig
  • Mattheck, C.; Bethge, K.; Weber, K. H. (2014): Die Körpersprache der Bäume – Enzyklopädie des Visual Tree Assessment. Karlsruher Institut für Technologie, Karlsruhe. 548 S.
  • Klug, P.; Klug, E. (2017): Innenwurzeln von Bäumen als Überlebensstrategie. In: AFZ-Der Wald 8/2017. Deutscher Landwirtschaftsverlag, München. S. 25-27
  • Richter, C. (2019): Holzmerkmale der Bäume. DRW-Verlag Weinbrenner, Leinfelden-Echterdingen. 1. Aufl., 360 S.

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