Wald mit symbolisierten Geflecht im Waldboden

Das Netztwerk im Wald

Wood Wide Web – Wahrheit und Mythos

Das Wood Wide Web ist das Internet des Waldes. Die „Lan-Verbindungen“ bestehen aus feinen Pilzfäden, die sich durch den gesamten Waldboden ziehen. Sie verknüpfen Bäume, Sträucher und die meisten höheren Pflanzen miteinander. Ein reger Austausch an Nährstoffen, Wasser und Botenstoffen findet in den dünnen Leitungen der Pilzhyphen statt. Bäume übermitteln dabei auch Informationen an ihre Nachbarn und helfen jungen Bäumen beim Wachsen. Ein Vergleich mit dem Internet liegt da auf der Hand. Doch wieviel Internet steckt im Wood Wide Web? Ist der Wald wirklich eine große Gemeinschaft, in der sich alle gegenseitig helfen?

Grundlage: Gemeinsamer Nutzen

Die Zusammenarbeit zwischen Pilzen und Bäumen basiert auf gegenseitigem Nutzen. Pilze erschließen viel größere Bodenbereiche mit ihren Hyphen, als es ein Baum mit seinen Wurzeln kann. Auch Wasser stellen die Pilze bereit. Doch für den Baum ist diese Hilfe teuer. Bis zu einem Drittel der gesamten Zuckerproduktion aus der Photosynthese muss der Baum abgeben. Der Pilz holt sich diese Stoffe, indem er mit dünnen Hyphen in die Wurzel der Bäume einwächst.

Die Pilze bieten ihren Bäumen einen zusätzlichen Schutz gegen Krankheiten und Giftstoffe. Pilze filtern Gifte und Schwermetalle durch ihre Hyphen aus und geben „sauberes“ Wasser an die Bäume weiter. Diese gefilterten Stoffe reichern sich später oft in den Pilzfruchtkörpern an. Verzichten Sie deshalb in Gebieten mit hoher Radioaktivität, neben Straßen und Flughäfen und in Industriegebieten auf Pilze aus Wald und Flur. Durch das sammeln der Pilze, landen die Gifte und Schwermetalle in ihrer Waldpilzsuppe.

Gestärkte Abwehr

Schiebt ein Pilz seine Hyphe in die Feinwurzel eines Baumes, löst dies beim Baum eine Abwehrreaktion aus. Er bildet Abwehrstoffe um sich gegen Angreifer zu schützen. Diese Reaktion ist vergleichbar mit unserem Immunsystem. Je mehr Abwehrstoffe unser Körper bildet, desto leichter lassen sich eindringende Bakterien abwehren. Einmal gebildet, bleiben die Abwehrstoffe im Baum. Sie helfen später schneller zu reagieren, wenn für den Baum gefährliche, zum Beispiel holzzersetzende, Pilze eindringen wollen. Jeder „Angriff“, auch von nützlichen Pilzen, hilft damit dem Baum, sein Abwehrsystem aufzubauen und zu stärken.

Doch wie schafft es der „gute“ Mykorrhiza-Pilz, sich mit dem Baum zu verbinden? Damit die Wurzel den Pilz nicht abstößt, schüttet dieser ein Protein (FGB1) aus. Dieses macht es dem Baum unmöglich, den Pilz auszuschließen. Nur auf diesem Weg gelingt eine langfristige Verbindung. Der Pilz zwingt den Baum quasi zu seinem Glück.

Verbesserte Vitalität dank Wood Wide Web

Zusätzlich zu den Abwehrmechanismen stärkt der Pilz die Vitalität des Baumes, indem er zusätzliche Nährstoffe bereitstellt. Ein kräftiger Baum, dem es an nichts fehlt, hat genug Energie, sich gegen Krankheiten, Insekten und Schadpilze zu wehren. Nur wenige Schadorganismen sind in der Lage, gesunde Bäume nachhaltig zu schädigen. Mit Hilfe der Pilze versorgen sich Bäume zudem mit für sie schwer zugänglichen Stoffen wie Stickstoff und Phosphor.

Wasserhaushalt durch Pilz-Schwamm

Böden nehmen eine bestimmte Menge an Wasser auf. Je nach Bodenbeschaffenheit und Regenmenge sind die Böden mehr oder weniger gesättigt. Pilze gleichen den schwankenden Wasserhaushalt teilweise aus. Sie saugen Wasser wie ein Schwamm auf und geben es später an die Bäume ab. Diese stehen dadurch bei starken Regenfällen nicht im Wasser, profitieren aber in Trockenzeiten von der gespeicherten Feuchtigkeit im Hyphengeflecht.

Informationsfluss im Wood Wide Web

Neben Nährstoffen und Wasser transportieren Pilzhyphen Informationen. Chemische Botenstoffe übertragen Wissen von Baum zu Baum. Die Forschung beschäftigte sich dazu lange Zeit mit Bohnenpflanzen. Greifen Läuse eine Bohnenpflanze an, sendet sie Warnsignale durch die Pilzfäden an anderen Pflanzen. Diese bereiten sich auf einen Angriff vor und sind besser gerüstet, wenn die Läuse bei ihnen ankommen. Das gleiche Prinzip vermuten Forscher bei Bäumen, wenn Insekten wie Borkenkäfer sie angreifen. Damit sich die Information schnell verbreiten, geben sie chemische Warnsignale über die Luft und das Pilzgeflecht an ihre Nachbarn weiter.

Foto: F. Stahl

Dark Net

Wie überall auf der Welt ist auch im Erdboden nicht alles gut. Es gibt Pflanzen, die die Vorteile des Netzwerkes ausnutzen. Ein Beispiel ist Cephalanthera austiniae. Die Orchideenart lebt ausschließlich parasitär. Dazu nutzt sie das Netzwerk der Pilze und zapft andere Pflanzen an, ohne selbst Nährstoffe oder andere nützliche Dinge zurückzugeben.

Ähnlich agieren einzelne Baumarten, die gezielt Giftstoffe über das Pilznetzwerk verteilen, um ihre Nachbarn zu schwächen. Unter der Krone der Schwarznuss beispielsweise wachsen nur wenige Pflanzen. Die Baumart sendet über ihre Wurzeln und die Mykorrhiza Hemmstoffe aus, die das Wachstum anderer Arten verlangsamen und teilweise hemmen.

Mythos Märchenwald

Die Symbiose zwischen Pilzen und Bäumen ist wahrlich märchenhaft. Ein Miteinander, das den Anschein einer perfekten Harmonie des Waldes macht. Doch die Realität ist eine andere. Wie in jedem Ökosystem kämpft im Wald jedes Lebewesen um sein eigenes Überleben. Nur die stärksten und am besten angepassten Individuen setzen sich durch. Ein gutes Beispiel sind die Bäume selbst. Aus tausenden Samen und hunderten Keimlingen, entstehen am Ende maximal zwei oder drei erwachsene Bäume. Die natürliche Selektion ist erbarmungslos. Der Konkurrenzkampf der Bäume im Wald ist groß. Sie wetteifern um Licht, Nährstoffe, Wasser und die besten Chancen für die eigenen Nachkommen.

Das WoodWideWeb leistet einen großen Beitrag. Doch auch der Pilz füttert und stärkt den Baum nicht aus Nächstenliebe! Er verlangt einen hohen Preis für seine Leistungen. Es ist auch nicht gesichert, ob Bäume aktiv kommunizieren, oder lediglich die chemischen Stoffe der Nachbarbäume aufnehmen. Ob der befallene Baum aktiv informiert, oder die umstehenden Bäume ihn „belauschen“, ist wissenschaftlich noch nicht gesichert. Jede Art hat das evolutionäre Ziel, lange zu überleben. Innerhalb einer Art ist Hilfe gut und schützt das Leben jedes einzelnen. Andere Arten jedoch gefährden den eigenen Platz in der Rangordnung des Waldes.

Für mich gibt es keinen schöneren und beruhigenderen Ort als einen alten, natürlich gewachsenen Wald. Der Zauber dieses Lebensraumes nimmt uns Menschen gefangen. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass hinter der Kulisse der Kampf ums Überleben stattfindet. Oft bleibt dies aber unseren Augen verborgen.

Die Autorin: Marina Winkler

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