Die Frage:

WIE PFLEGE ICH EINEN SEHR ALTEN FLIEDER?

User fragen Baumpfleger

In meinem Garten steht ein sehr alter Flieder. Sein Stamm ist so dick, dass ich ihn im unteren Bereich gerade noch umarmen kann. Er blüht noch, hat aber viele tote Äste (die ich aussäge) und bildet nur wenig bis gar keine neuen Äste aus. Außerdem machen mir vor meiner Zeit abgesägte, große Äste Sorgen, deren Schnittstellen nicht von Rinde umwallt, sondern in der Mitte hohl sind und in denen Asseln und andere Tiere wohnen.

Die meisten Äste hatten im Sommer Blätter, ein paar sind aber auch abgestorben. Diese habe ich herausgesägt. Die Blätter sehen trotzdem immer klein und ein bisschen „unterernährt“ aus, insbesondere im Vergleich zu einem anderen Flieder, den ich letztes Jahr ganz heruntergeschnitten habe (er war nicht so alt und sehr sonderbar gewachsen).

Wie kann ich verhindern, dass der Flieder durch die „Löcher“, dort wo die abgesägten Äste nicht umwallt worden sind, keinen Schaden nimmt (Wasser dringt ein, Insekten, Fäulnis)?
Wie kann ich den Flieder wieder zu mehr Neuaustrieb anregen, ohne seine Form zu beeinträchtigen?

Die Antwort:

EINEN SO MÄCHTIGEN FLIEDER GIBT ES NICHT OFT!

Baumpfleger antworten Usern

Die großen „Löcher“ (Asthöhlungen) sind in der Tat immer ein Problem für Bäume im Allgemeinen. So große Schnitte sollte man möglichst vermeiden. Sicherlich, es gibt immer wieder Notwendigkeiten, es doch zu tun. Im Nachhinein ist es mühsam, darüber zu urteilen, ob der jeweilige Schnitt sinnvoll und notwendig gewesen ist. Jetzt kann man sowieso nichts mehr daran ändern.

Und das gilt auch hinsichtlich möglicher Maßnahmen. Sie können und müssen nichts mehr tun. Was tot ist, bleibt tot und wird – wie alles Tote in der Natur – irgendwann zersetzt. Tote Pflanzenzellen werden nicht wie menschliche Hautzellen resorbiert und danach identisch reproduziert (wiederhergestellt). Eine Baumwunde kann also nicht heilen. Da helfen auch kein Dach über der Schnittwunde und kein Wundverschlussmittel. Pilze und Bakterien sorgen dafür, dass nach und nach alle Bestandteile verschwinden, beginnend von außen. Zurück bleibt ein Loch.

Abschottung und Überwallung

Nach jedem Schnitt am Baum stirbt das Gewebe ab, das dem Ast zugeordnet gewesen ist (bis zu dem Punkt, an dem ursprünglich der Ast aus einer Knospe hervorgegangen ist). Im besten Fall beschränkt sich das Loch auf diesen Bereich hinter der Schnittstelle. Zurück bleibt früher oder später immer ein Loch. Anderes Gewebe kann sich je nach Zellart und je nach Baumart gegen diese abbauenden Pilze und Bakterien „abschotten“ bzw. schützen. Dann ist das Loch kein großes Problem für den Baum. Der Hainbuche gelingt das in der Regel sehr gut. Das Loch beziehungsweise die Zone mit totem, in Zersetzung befindlichem Holz bleibt klein und lokal begrenzt. Die Kastanie kann das weniger gut. Das Loch breitet sich im Stamm stetig weiter aus. Pilze und Bakterien erobern sich so immer mehr Raum und der ganze Baumstamm wird hohl. Die Strategie des Baums ist es, den gefräßigen „Feinden“ (Pilze und Bakterien) durch die Ausbildung neuer Jahrringe davon zu wachsen. Das gelingt jungen vitalen Bäumen besser als alten schwachen. Zuletzt ist es dann eine Frage der Statik, wie lange der Baum überlebt.

Auch die Schnittführung ist bei solchen Schnitten wichtig. Man muss darauf achten, nur das Gewebe zu verletzen, das zum Ast gehört, der weggeschnitten wird (Schnitt auf Astring). Auf keinen Fall darf man Gewebe des Stamms oder des übergeordneten Asts verletzen. Ausgebildete Baumpfleger kennen sich damit aus.

FÖRDERUNG DER VITALITÄT DES ALTEN FLIEDERS

Die kleinen Blätter deuten auf eine geringe Vitalität hin. Das muss zunächst nichts mit den Löchern zu tun haben. Auch ein hohler Baum kann sehr vital sein. Der Standort scheint mir auch nicht ausschlaggebend zu sein. Hier hat sich wahrscheinlich seit Jahren nichts geändert. Der Grund für die geringe Vitalität dürfte im Alter des Flieders liegen. Bäume haben einen Lebenszyklus wie alles Lebendige. In der Altersphase lässt das Wachstum nach. Die einzelnen, absterbenden Äste deuten darauf hin, dass der Baum sich in diesem Stadium befindet.

DAS KÖNNEN SIE TUN

Sie können versuchen, die Vitalität zu fördern, indem Sie im Januar/Februar – in einer Zeit, in der sich die Reservestoffe noch tief im Inneren des Stamms und der Wurzel befinden – den Baum im Peripheriebereich harmonisch zurückschneiden und auslichten (aber bitte keine Kappungen*!).

Im März/April werden die Reservestoffe mobilisiert und in die Feinäste transportiert. Dort treffen sie beim Austrieb auf eine geringere Kronen- bzw. Knospenmasse, was zu einer stärkeren Triebigkeit führen kann. Ist der Baum jedoch schon im Abgangsstadium, dann kann auch das Gegenteil passieren, dass nämlich der Baum beim Schnitt zusätzlich geschwächt wird und man ihm damit eventuell den Todesstoß versetzt. Ihr Flieder sieht mir auf den Bildern jedoch nicht so aus, als wäre er schon im Abgangsstadium.

Auf alle Fälle empfehle ich, die Blüten auszubrechen. Die verbrauchen nämlich einen großen Teil der zur Verfügung stehenden Assimilate (Baustoffe oder allgemein ausgedrückt „Energie“). Hat man die Blüten nach dem Austrieb entfernt, können die Assimilate in Zuwachs von Blättern und Zweigen investiert werden. Diese Arbeit ist sicherlich sehr zeitaufwändig und mühsam, sollte aber für Ihren Flieder noch überschaubar sein.

*Hintergrund Kappungen

* Kappungen, das heißt das Zurücksetzen stärkerer Äste, könnte zwar zu starkem Austrieb führen. Das war ja bereits bei dem anderen Baum, wie Sie beschrieben haben, der Fall. Aber es entstehen dann die großen „Löcher“ (siehe erste Frage). Diese sind, wie beschrieben, sehr problematisch. Anregend auf den Austrieb sind solche Maßnahmen auch nur dann, wenn a) im Winter geschnitten wird und b) die Bäume noch ausreichend vital sind. Man riskiert außerdem, dass der Baum anfälliger für Baumkrankheiten wird (besonders auch für Viren). Denn bei solch radikalen Maßnahmen kommt die gesamte Physiologie durcheinander. Das kann im schlimmsten Fall sogar zum Absterben des Baums führen (vor allem bei älteren Bäumen).

Rückfrage des Fragestellers:

GIBT ES DIE MÖGLICHKEIT, DIE LÖCHER ZU BEHANDELN?

Vielen Dank für Ihre leicht verständliche, ausführliche Antwort. Im Februar werde ich es mit einem vorsichtigen Schnitt der äußeren Äste versuchen. Die Blüten herauszuholen ist natürlich nicht nur viel Arbeit, sondern auch irgendwie schade, weil sie ja schön sind und gut duften. Aber ich werde das auch nächstes Jahr wieder machen (in der Hoffnung, dass der Flieder sich dann soweit erholt hat, dass es im Folgejahr keinen Bedarf für solch drastische Maßnahmen gibt).

Dass ich an den großen Löchern gar nichts ändern kann, ist natürlich hart. Ich hätte gedacht, dass man zumindest versuchen könnte, die Feuchtigkeit zu reduzieren und so die bakteriellen und/oder pilzlichen Infektionen einzudämmen bzw. zu verhindern. Wenn das abgestorbene Holz trocken wäre, hätten die es ja deutlich schwerer. Falls Ihnen hierzu doch noch etwas einfällt, das einen Versuch wert wäre, würde ich mich über eine erneute Antwort freuen.

Die Rückantwort:

“VON HEILUNG MÜSSEN WIR UNS VERABSCHIEDEN”

Bitte die äußeren Äste im Frühjahr nicht kürzen, sondern auslichten und von innen nach außen, vom alten zum jüngeren, vom dicken zum dünnen Holz harmonisch nach außen auslaufen lassen (ein bisschen kann es dabei durchaus eingekürzt werden).

Bei den Blüten kann es durchaus sein, dass mehr als ein Jahr notwendig ist, um den Organismus wieder in Schwung zu bringen. Ob es funktioniert, hängt auch vom Alter und dem Grund des schwachen Wuchses ab. Bei meinem extremsten Fall hat es zehn Jahre gedauert, bis sich die betroffenen, durch Hasenfraß geschwächten Obstbäume wieder erholt haben und sich Wurzeln, Stamm und Äste wieder normal und kräftig entwickelt haben. Am Ende hat es dann aber so gut funktioniert, dass die Bäume auch nach 30 Jahren noch immer vital sind.

Bei den Löchern müssen wir uns von dem Bild des „Verheilens“ verabschieden. Die betroffenen Zonen werden im besten Fall abgeschottet (es werden chemisch-mechanische Barrieren aufgebaut, um Schadpilze abzuwehren). Alles was vor der Barriere ist (der innere Kern), wird aufgegeben und dem Abbau überlassen. Nur was hinter der Barriere liegt (die äußeren Jahrringe), bleibt geschützt. Sicherlich würde bei absoluter Trocknung das tote Holz länger überleben, aber seine Funktion erhält es nicht wieder zurück. Es kommt nahezu auf das Gleiche heraus, ob es nun vorhanden ist oder nicht (d. h. ob der Baum hohl ist).

Schade ist, dass ein solcher Schaden überhaupt verursacht worden ist. Da er aber nun einmal da ist, muss der Baum damit leben. Sie können die Hände beruhigt in den Schoß legen, denn Sie können einfach nichts tun. Im Lauf der Evolution haben Bäume verschiedene Strategien für solche Fälle entwickelt, mit Hilfe derer sie sich einigermaßen über „Wasser“ halten und überleben können.

Viel Erfolg beim Versuch der „Wiederbelebung“.

Der Autor: Johannes Bilharz

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