Die Frage:

Wie verhindert man starken Austrieb bei Linden?

User fragen Baumpfleger

In meinem Garten sind vier alte Linden. Ob Sommer- oder Winterlinden weiß ich nicht. Das Alter schätze ich auf ungefähr 100 Jahre. Vor ungefähr 40 Jahren sind diese Linden auf fünf Meter geköpft worden. Alle drei bis vier Jahre im Winter werden sie jetzt auf den alten Schnitt zurückgestutzt. In dieser Zeit bildet die Linde zusätzlich sehr viele Wasserschösslinge an der gesamten Stammlänge. Da diese nicht erwünscht sind, müssen sie das ganze Jahr über mühselig abgeschnitten werden.

Hier also meine Frage: Gibt es eine bestimmte Jahreszeit, in der es sinnvoll ist, die Wasserschösslinge zu schneiden, um das schnelle Nachwuchern zu vermeiden?

Die Antwort:

EIN BAUM WÄCHST IMMER

Baumpfleger antworten Usern

Solche Schnitte im Winter durchzuführen, ist aus baumpflegerischer Sicht unterschiedlich zu bewerten. Für den Winterschnitt spricht: Reservestoffe werden geschont. Der Baum lagert die Reservestoffe vornehmlich in den Wurzeln, im Stamm und den dicken Ästen. Werden die jungen Äste im Winter abgeschnitten, ist der Verlust der Reservestoffe somit gering.

Nachteile des Winterschnittes

Probleme beim Winterschnitt bereitet jedoch die Wundabschottung. Der Baum kann im Winter aufgrund der geringen Stoffwechseltätigkeit nur sehr langsam Schutzbarrieren aufbauen, die vor Fäulepilzen und anderen Schaderregern schützen. Diese sind zwar im Winter auch meist nicht sehr aktiv, aber die Schäden sind bei Winterschnitt im Inneren des Baumes in der Regel trotzdem höher als zum Beispiel im Frühjahr oder Frühsommer (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Ihre Frage zielt darauf ab, starke Triebe zu vermeiden beziehungsweise zu bändigen. Eine Linde ist aber von Natur aus darauf aus, stark zu wachsen und groß zu werden. Wollen Sie den Baum künstlich klein halten, so müssen Sie einen hohen Pflegeaufwand einplanen. Sie arbeiten in diesem Fall gegen die Natur. Ich denke, Ihnen ist bewusst, dass eine Pflanze immer wachsen möchte und wachsen muss. Andernfalls müssten Sie auf einen Plastikbaum oder eine Pflanze umsteigen, deren natürliche Höhe dem entspricht, was für Sie optimal ist. Aber auch diese Pflanze würde nicht statisch in einem Zustand verharren und entsprechende Pflege benötigen.

So können Sie starken Wuchs bändigen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Baum klein zu halten. Jeder Baum kann in jeder x-beliebigen Größe gehalten werden (wie das Beispiel Bonsai zeigt). Das funktioniert aber nur, wenn er schon von Anfang an so erzogen wurde. Oder wenn auf Gesundheit und Langlebigkeit verzichtet wird. Oder wenn viel Pflege und Schnittaufwand betrieben wird. Oder wenn der Baum überlistet und dazu gebracht wird, seine Kraft an anderer Stelle aufzuwenden. Alles, was entgegen der Natur ist, hat eben seinen Preis.

Möglichkeit 1

Sie könnten aus meinen Ausführungen im Bezug auf Reservestoffe schlussfolgern, im Sommer oder Herbst zu schneiden. Schließlich verhindern Sie so, dass der Baum Reservestoffe einlagert. Wenig Reservestoffe bedeuten schwachen Austrieb im Frühjahr. Das ist soweit richtig, aber …

… Reservestoffe haben auch wichtige Aufgaben. Sie sind Energiespeicher und dienen dazu, das Leben des Baumes zu erhalten. Sie sorgen für den Frostschutz im Winter, decken den Energiebedarf des Baumes während der blattlosen Phase (Atmung) und sind wichtig für den Neuaustrieb. Denn woher sonst sollte der Neuaustrieb kommen, solange keine Blätter vorhanden sind?

Durch so einen radikalen Schnitt, wie er bei Ihren Linden periodisch vorgenommen wird, werden die Bäume geschwächt: Ihnen werden irreparable Verletzungen zugefügt. Schwächt man die Linden nun zusätzlich, indem man die Reservestoffe stark dezimiert, beschleunigt das den Verfall. Wenn Ihr Ziel ist, die Bäume zu erhalten, sollten Sie diesen Schnitt nicht im Sommer oder Herbst durchführen. Der Baum wird dann zwar schwächer wachsen – aber nur, weil er künstlich krank gemacht wird. Er wird anfälliger für alle Schadensfaktoren. Das wiederum wird die Lebenserwartung stark reduzieren.

Deshalb mein Rat: Führen Sie diese radikalen Schnitte nicht im Sommer oder Herbst durch!

Möglichkeit 2

Statt im Winter zu schneiden, sind die Schnittzeiträume Frühjahr und Frühsommer, ähnlich wie bei Hecken, eine gute Alternative. Blätter sind vorhanden, die den Baum versorgen und die Bäume bauen an den Schnittverletzungen besser Abwehrzonen auf. Vor dem Schnitt müssten Sie in diesem Zeitraum aber sicherstellen, dass naturschutzrelevanten Gründe einen Schnitt nicht verbieten (zum Beispiel brütende Vögel oder Fledermäuse). Für den Schnitt gibt es mehrere Varianten:

Variante 1

Sie können schonend und arbeitsaufwändig vorgehen, indem Sie während der Wachstumsphase immer wieder Äste im oberen und äußeren Kronenbereich entnehmen und auf jüngere, schwächere Äste vereinzeln (auslichten). Im inneren und unteren Bereich Äste und Knospen belassen. Das hält den Trieb ruhiger. Außerdem würde der Baum so zu keinem Zeitpunkt ohne Äste und Blätter dastehen. Ästhetisch für mich das Optimum. Das könnten Sie zwei bis dreimal durchführen bis zum Sommer. Zu Ihrer bisherigen Schnittweise ist es etwas mehr Aufwand, würde aber den Baum ruhiger halten. Der Schnitt wäre baumschonend und der Baum kann die Schnittstelle schnell abschotten.

Variante 2

Sie lichten aus – wie in Variante 1 beschrieben – und pinzieren die Triebe (Einkürzen von einjährigen, noch wachsenden Neutrieben), um die Verzweigung zu fördern. Das macht den Baum dichter, hält ihn aber ruhig und ist baumschonend, solange nur die einjährigen Neutriebe eingekürzt werden. Der Arbeitsaufwand ist aber nochmal höher als bei Variante 1 und entspricht vom Prinzip her einem Bonsai-Schnitt. In Deutschland wird diese Schnittvariante wenig praktiziert. In Japan beherrscht man diese Kunst besser, weil mehr Erfahrung vorhanden ist.

Nicht zu verwechseln ist diese Schnittform mit dem „Hausmeisterschnitt“. Dieser Begriff wird in Fachkreisen spöttisch für die überall übliche Schnittmethode von Laien verwendet. Hierbei wird mit der Heckenschere Sträuchern ein Einheitsschnitt verpasst, indem Äste auf eine Fläche (Kugel oder Kastenform) mittels Motorgeräten zurückgeschnitten werden. Das ist aber ein anderes Thema.

Variante 3

Sie können auch weiterhin im Winter schneiden – regelmäßig jedes Jahr oder auch nur alle zwei bis drei Jahre – und sorgen dafür, dass im oberen und äußeren Kronenbereich die langen und dicken Jungtriebe herausgenommen werden und der Baum schlank ausläuft. Oben und außen sollen die Äste jung, wenig verzweigt und dünn sein, mit wenig Knospenbesatz, nach innen und unten beziehungsweise zum Stamm hin sollen die Äste dicker werden, weiter verzweigt und mehrjährig, mit höherem Knospenbesatz. Ich habe dafür den Begriff „Schlankschneiden“ geprägt. Der Vorteil dieser Schnittweise: Der Schnitt im Winter schont die Reservestoffe, bietet einen guten Überblick, erhält die Vitalität, leitet die Power, die der Baum aufgrund der guten Energieversorgung hat, nicht nur in die oberen und äußeren Äste, sondern verteilt die Energie auf viele Knospen im inneren Kronenbereich.

Der Reservestoffdruck kommt so erst gar nicht im äußeren und oberen Kronenbereich an. Die Abschottung der Schnittverletzungen ist zwar nicht so optimal wie im Frühjahr, aber nicht so schlecht, dass es dem Baum viel schadet. Reservestoffe werden so geschont, wodurch der Baum einerseits gesund und vital bleibt und andererseits ruhig gehalten werden kann. Bei manchen Bäumen funktioniert das besser als bei anderen. Pioniergehölze wie Weiden sind mit dieser Technik schwieriger einzubremsen als Eichen oder Eschen. Linden wären aber perfekt dafür geeignet.

Nachteil: Der Schnitt basiert auf Erkenntnissen, die ich im Laufe meiner nun 39-jährigen Schnitterfahrung gewonnen, aber leider noch nicht veröffentlicht habe. In Schnittkursen habe ich in den letzten zwei Jahrzehnten diese Infos schon vielfach an Berufskollegen weitergegeben. Allerdings kann ich Ihnen nicht sagen, wie gut meine ehemaligen Teilnehmer das umsetzen können. Ich verspreche aber an dieser Stelle, dass ich irgendwann versuchen werde, die wichtigen Punkte zu Papier zu bringen und publik zu machen. Dass dies noch nicht geschehen ist, liegt nicht daran, dass ich es geheimhalten möchte. Es ist zum einen eine Frage der Zeit. Zum anderen besteht die Schwierigkeit darin, die vielen Punkte, die berücksichtigt werden müssen und sich gegenseitig beeinflussen, zu abstrahieren, aber trotzdem noch verständlich zu halten. Das gelingt in Kursen direkt am Baum besser als abstrakt in Schriftform mit zweidimensionalen Bildern.

Fazit

Lassen Sie sich trotz Komplexität nicht abschrecken, meine Ratschläge umzusetzen. Wenn Sie sich das selbst nicht zutrauen, suchen Sie doch einfach bei uns auf dem Baumpflegeportal einen Baumpfleger in Ihrer Nähe finden. Vielleicht war er ja schon mal bei mir auf dem Kurs und weiß, wovon ich spreche.

Der Autor: Johannes Bilharz

Baumpfleger: Die Experten wenn’s um den Baum geht!

Bäume sind komplexe Lebewesen und die Pflege nicht immer einfach. Wenn Sie sich unsicher sind oder Fragen haben, wenden Sie sich an einen Baumexperten aus Ihrer Nähe. Baumpfleger und Baumgutachter finden Sie hier auch dem Baumpflegeportal.

1 Antworten
  1. Schädelin Sonja

    Guten Tag, ich habe eine Frage:
    Wir haben eine alte Linde im Garten, die seit ca. 10 Jahren am Stamm mit Erde überschüttet ist (teilweise ca. 50cm, da Hanglage). Ihr Stamm oberhalb der Erde ist immer noch 1.40 m hoch, bevor die ersten Verzweigungen kommen.
    Zudem kürzen wir die Linde jährlich, ihre Höhe ist somit seit ca. 10 Jahren immer um die 8m.
    Die Linde wirkt gesund, hat etwas Moos auf den dicken Ästen.
    Ich mache mir jetzt jedoch Sorgen, dass sie durch das Überschütten des Stammes auf die Dauer Schaden nehmen könnte und frage mich, ob ich den Stamm wieder freilegen soll.
    Haben Sie da Erfahrungswerte?
    Besten Dank und freundliche Grüsse,
    Sonja Schädelin

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