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Baumpflege

„Betriebsblindheit Hauptursache für schwere Unfälle“

Tödlicher Unfall
Tödlicher Unfall nach unsachgemäßem Schnitt. Foto: M. Schmeiche, © Kripo Hamburg

Berufsgenossenschaft: fachlich-menschliches Fehlverhalten verantwortlich für die meisten schweren Unfälle – Baumpflege-Experte Carsten Beinhoff rät zur Mindestbreite für Trittstufen auch für Obstbaumleitern.

Gibt es Hauptursachen für schwere Unfälle in der Baumpflege? Wie lassen sich diese vermeiden? Gibt es Unterschiede zum Forst? Sind alle Kantenschliffketten wirklich verboten? Was ist bei Gehölzschneidern beim Schnittschutz zu berücksichtigen? Antworten auf diese Fragen liefert Carsten Beinhoff, Baumpflege-Experte des gesetzlichen Unfallversicherungsträgers.

Das Wichtigste zuerst:

  • Unfälle durch herabfallende Baumteile häufen sich.
  • Die meisten Unfälle sind auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen.
  • Aufgrund sehr guter Ausbildung passieren relativ wenige Unfälle in der Baumpflege.
  • Auffallend viele Unfälle passieren, nachdem Top-Handle-Sägen vorschriftswidrig eingesetzt wurden.

Baumpflegeportal: Herr Beinhoff, nach der aktuellen SVLFG-Statistik kam es im Forst auch im Jahr 2024 „…besonders häufig (…) zu Unfällen durch herabfallende Baumteile…“ Verursacht Totholz in stark geschädigten Bäumen auch in der Baumpflege merklich mehr schwere Unfälle im Vergleich zu früheren Jahren?

Carsten Beinhoff: Es stimmt, dass schwer geschädigte Bäume mit Totholz in der Krone ein hohes Gefahrenpotential bergen, auch für Baumpflegende. Doch anders als im Forst können wir bisher dadurch keine Zunahme der schweren Unfälle in der Baumpflege feststellen. Lediglich bei Ankerpunktausbrüchen mit Unfallfolgen von leichten bis schweren Unfällen ist eine leichte Zunahme feststellbar; das hat jedoch auch noch andere Gründe, z. B. geänderte Arbeitsverfahren. Hier wäre die Single Rope Technik ohne spezielle Schulung zu nennen.

Baumpflege-Profis arbeiten anders

Baumpflegeportal: Woran liegt das, dass Baumpflege-Profis weniger häufig von Totholz betroffen sind?

Carsten Beinhoff: Baumpfleger arbeiten anders. Sie beurteilen dieses Gefahrenpotential offenbar sorgfältiger, schauen genauer hin, bevor sie aufsteigen, weil ja ihr Leben und die Gesundheit direkt davon abhängen. Ganz generell gilt, dass auch aufgrund der Ausbildung vergleichsweise selten schwere Unfälle in der Baumpflege passieren: Von den etwa 100 Unfällen jährlich, die der Berufsgenossenschaft in diesem Bereich gemeldet werden, sind rund 60 leichte – beispielsweise eine kleine Schnittwunde am Finger. Von den 40 schweren Unfällen sind vielleicht zehn mit längerfristigem Ausfall verbunden, fünf, sechs sind richtig schwer, davon passiert ungefähr ein tödlicher, oft jahrelang kein einziger. Die meisten Kletterer handeln sehr verantwortungsbewusst.

Zum Vergleich: Im gesamten Bereich der SVLFG ereigneten sich von 2021 bis 2024 im Jahresdurchschnitt rund 59.000 Unfälle, darunter durchschnittlich 33 Todesfälle allein in der Forstwirtschaft.

Tödliche Routine

Baumpflegeportal: Worauf sind die tödlichen Unfälle in erster Linie zurückzuführen?

Carsten Beinhoff: Der Mensch ist meistens das Problem. Viele Unfallopfer haben eine „Mir-kann-nichts-passieren-Mentalität“ an den Tag gelegt: Sie fühlten sich zu sicher, geradezu unsterblich. Hinzu kommt: Viele Techniken, die jahrzehntelang funktioniert haben, sind heute nicht mehr ratsam. Viele sind nicht bereit, sich umzustellen.

Die Berufsgenossenschaft rät ja aus sehr gutem Grund dazu, zum Fällen im Forst vorrangig den Harvester, in zweiter Linie die Seilwinden-unterstützte Fälltechnik oder ferngesteuerte, hydraulische Fällkeile einzusetzen. Es passiert einfach zu viel.

Fehlverhalten durch Hektik

Eine Hauptursache für Unfälle über alle Bereiche hinweg ist fachlich-menschliches Fehlverhalten: oft Hektik, ausgelöst auch durch den Konkurrenzdruck mit teilweise Dumping-Preisen oder das „nur noch schnell dieses oder jenes Erledigen“. Im Bereich der Seilklettertechnik gab es einzelne Unfälle, weil die Kletterer den Ankerpunkt falsch angelegt eingeschätzt hatten. Der dafür gewählte Ast wurde auf 15 Zentimeter Durchmesser geschätzt, in Wirklichkeit war er nur fünf, sechs Zentimeter dick.

Unglaublicher Leichtsinn

Manchmal ist auch unglaublicher Leichtsinn im Spiel. Ich denke an einen tödlichen Unfall in Hamburg. Der Motorsägen-Führer, seit 30 Jahren im Geschäft, hat kurz vor der Rente einen Baum totgeschnitten: Die Krone wurde unter Zuhilfenahme einer Hubarbeitsbühne abgetragen, bevor der Reststamm von unten mit einer Motorsäge gefällt wurde. Dabei hat sich der Motorsägen-Führer im Gefahrenbereich aufgehalten. Dieser Baum ist dann seitlich gekippt und hat ihn erschlagen. Unsere Nachforschungen haben ergeben: Der angeblich „beste Mann“ dieser Firma hatte diese völlig falsche Technik schon in zig anderen Fällen eingesetzt und hatte zuvor nur ungeheures Glück.

Baumpflegeportal: Bleiben wir bei den Motorsägen. Hier stechen die vielen Unfälle mit Top-Handle-Sägen ins Auge…

Carsten Beinhoff: In der Tat ist die falsche Bedienung dieser Sägen auffällig. Motorsägen sind mit beiden Händen zu bedienen. Das passiert allzu oft gerade bei den Top-Handle-Sägen nicht, die fälschlicherweise auch „Einhandsägen“ genannt werden: Es ist ja so cool und es geht schnell… Von den der SVLFG zwischen 2021 und 2024 gemeldeten Unfällen mit der Motorsäge sind 311 Top-Handle-Unfälle.

Ich bin dafür, dass Motorsägen nur noch an Leute verkauft werden dürfen, die dafür einen Sachkundenachweis erbringen. Oft wird vergessen, dass die einhändige Motorsägenbedienung ein Bußgeld mit sich führen kann.

Ich warte noch auf die schweren Unfälle mit Gehölzschneidern, die sich konstruktionsbedingt nicht garantiert durch den Schnittschutz stoppen lassen.

Kantenschliffketten nicht generell verboten

Baumpflegeportal: Deswegen sind ja angeblich auch „Kantenschliffketten“ verboten…

Carsten Beinhoff: … die einige Vorteile bieten…

Baumpflegeportal: … beispielsweise gegenüber „normalen“ Vollmeißel-Ketten eine höhere Standzeit, oft etwas höhere Schnittleistung, einfacheres Schärfen und gerade bei Stechschnitten einen ruhigeren Lauf…

Carsten Beinhoff: …. aber in Deutschland verboten sind, weil sie sich nicht von den Fäden des Schnittschutzes stoppen lassen.

Baumpflegeportal: Kann das sein? Stihl verkauft das Hexasystem, die Geometrie der Husquarna X-Cut Vollmeißel-Zähne ist diesem sehr ähnlich – beide legal verkaufte Ketten haben nicht die Zahnform, die eine Rundfeile erzeugt, sondern sind kantig. Demnach müssten doch beide Ketten Varianten von Kantenschliffketten sein?

Carsten Beinhoff: Ich meine die klassische Kantenschliff-Kette. Diese hat keinen spitzen Zahn, daher zieht sie die Fasern der Schnittschutzkleidung nicht heraus. Dadurch kommt die Kette nicht sofort zum Stehen, sie durchtrennt den Schnittschutz. Die Hexaschliff-Ketten und die X-Cut haben beide eine Spitze und sind daher auch nicht verboten.

Baumpflegeportal: Wir müssen also differenzieren zwischen Ketten mit und ohne Spitze. Das heißt also: Kantenschliff ist erlaubt, solange der Zahn eine Spitze hat?

Carsten Beinhoff: Richtig! Entscheidend ist, ob die Sicherheit laut der Prüfnorm gewährleistet ist.

Weniger Leiterunfälle durch Mindeststufentiefe

Baumpflegeportal: Wie beurteilen Sie die Sicherheit der Leitern, die für Obstbäume zugelassen, jedoch in anderen Bereichen verboten sind?

Carsten Beinhoff: Die Berufsgenossenschaft BG Bau spart seit Einführung der strengeren TRBS 2121 jedes Jahr rund 100 Millionen Euro ein, weil deutlich weniger Leiterunfälle passieren. Leitern sind gefährlich, sie lassen sich aber mit einigen wenigen Maßnahmen deutlich sicherer machen.

Sehr gut bewährt hat sich beispielweise eine Mindeststufentiefe von 80 Millimetern für den Arbeitsbereich. Diese einfache Maßnahme entlastet den Arbeitenden und vermindert die Gefahr des Abrutschens deutlich. In der Tat gelten für den Bereich der Obstbaumpflege andere Regeln, die TRBS findet dort keine Anwendung. Ich bin dafür, die Vorschriften für den Leitereinsatz in der Obstbaumpflege zu überarbeiten – es passiert einfach noch zu viel.

Noch fehlt in der Obstbaumpflege ein Rettungssystem: Wie lässt sich jemand retten, der oben auf einer Fünfmeter-Leiter verunglückt? Bei der Wertholzastung im Forst gibt es einen Rettungssatz für Leiterunfälle. Dieser wurde von fsb Orrel entwickelt und wird über die Firma Grube vertrieben.

Sehr gut bewährt hat sich zudem die Kombination aus Leitereinsatz und Kurzsicherung, wie sie beispielsweise Kai Bergengrün oder Johannes Bilharz seit Jahren unterrichten.

Baumpflegeportal: Das sehen wir genauso, Herr Beinhoff. Vielen Dank für das Interview!

(Das Interview führte Peter Knoll, Projekt- und Redaktionsleiter Baumpflegeportal)

 

Quellen:

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): TRBS 2121 „Gefährdung von Beschäftigten durch Absturz – Allgemeine Anforderungen“, https://www.baua.de/DE/Angebote/Regelwerk/TRBS/TRBS-2121, abgerufen am 20.04.2026

SVLFG: Insgesamt weniger tödliche Unfälle in 2024, https://www.svlfg.de/pm-weniger-unfaelle-toedlich-2024, abgerufen am 20.04.2026

SVLFG: Unfälle in der Branche Forstwirtschaft, 2021-2024, Entwicklung der Fallzahlen

SVLFG: Praxis zeigt: Forstseiltechnik schützt bei Fällarbeiten, https://www.svlfg.de/pm-waldtag-wermsdorf, abgerufen am 20.04.2026

SVLFG: Unfälle durch Schad-/Totholz, Sonderauswertung 2020/21 (vorläufige Zahlen für 2021)

Motorgerätehaus Krauß: Motorsägenketten im Vergleichstest, https://www.youtube.com/watch?v=ddzXgpybR5g, abgerufen am 20.04.2026

Stihl Deutschland: Produkttrainer erklärt: FAQ Sägeketten & Schneidgarnituren, https://www.youtube.com/watch?v=URCXhbyF23A, abgerufen am 20.04.2026

Carsten Beinhoff, Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, Bereich Prävention, ist selbst aktiver Baumpfleger und Experte für die Unfall-Prävention und die Baumpflege innerhalb der gesetzlichen Unfallversicherung.

Porträt Carsten Beinhoff. © SVLFG

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