Die Frage:

Eichen nach Baumkappung durch fachgerechten Schnitt retten?

User fragen Baumpfleger

Wir haben vor einigen Jahren ein Grundstück gekauft, auf dem eine Reihe von sechs alten Eichen steht (Stammumfang mehr als zwei Meter). Der Vorbesitzer hat sie vor etwa zehn Jahren aus verständlicher Sorge um das Haus auf eine Höhe von ungefähr zehn Metern kappen lassen – leider nicht fachgerecht.

Die Eichen wirken äußerlich gesund und wüchsig, treiben jedes Jahr gut aus und tragen stets reichlich Eicheln. Dennoch mache ich mir Sorgen: Wie Sie sehen, haben sich an der Kappung viele neue Triebe gebildet, während die Kappungsstelle selbst nun ausfault. Bei den mittleren Bäumen fällt oben die Rinde ab. Ich finde immer wieder größere herabgefallene Stücke unter fast allen Bäumen. In meinen Augen besteht die Gefahr, dass die Bäume irgendwann oben auseinanderbrechen. Außerdem gibt es hohle Stellen beziehungsweise mit Mulm gefüllte Löcher am Fuß der Eichen.

Sollte man diese ausräumen, damit das Innere trocknen kann und nicht weiter fault? Wie könnte man die Bäume dauerhaft sichern, sowohl was die Gesundheit der Bäume betrifft, als auch die Sicherheit des Hauses? Kann man die neuen Kronen regelmäßig kürzen, so dass sie nicht zu schwer werden und auseinanderbrechen? Oder auf einen kräftigen Trieb zurückzunehmen, der einen neuen Stamm bildet? Ist es möglich, durch vernünftigen Schnitt eine neue Krone mit natürlicher Astführung aufzubauen? Und wann wäre dafür der richtige Zeitpunkt? Einmalige Aktion oder vorsichtig jedes Jahr etwas herausschneiden?

Ich traue mir schlicht nicht zu, abzuschätzen, wie diese Bäume reagieren werden (Stichworte Versorgungsschatten am Stamm, Statik, Pilzgefahr usw.). Und ich traue den örtlichen Baumpflegern ebensowenig, wenn ich sehe, wie Stadt- und Alleebäume verstümmelt werden. Sicher können Sie anhand dieser kurzen Beschreibung keine exakte Anleitung liefern, aber eine kurze Einschätzung würde mir schon sehr helfen. Vielen Dank!

Die Antwort:

Kappungen sind keine sinnvolle Lösung

Baumpfleger antworten Usern

Sie haben richtig erkannt, dass die Schnittmaßnahme an Ihren Eichen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht fachgerecht war. Das lässt sich aufgrund des Bildes vermuten. Meiner Einschätzung nach wurden die Eichen nur gekappt, weil der Vorbesitzer Angst vor herabfallenden Ästen hatte. Diese Angst ist aber meist unbegründet, beziehungsweise kann das Risiko von erfahrenen, Baumpflegern gut eingeschätzt werden. Mittels SKT Seilklettertechnik für das Klettern in Bäumen) ist es sehr leicht möglich, die gesamte Krone zu inspizieren.

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Schutz vor Astbruch

Meist reichen ein paar kleinere Schnittmaßnahmen aus – vor allem bei Eichen – um die Gefahr von Astausbrüchen deutlich zu minimieren. Zum Teil kann man auch durch den Einbau von verletzungsfreien Kronensicherungen dieser Gefahr begegnen. Natürlich muss man auch sagen: Absolute Sicherheit gibt es bei Bäumen nie. Ein Restrisiko bleibt immer. Der Vorbesitzer wollte oder durfte die sicherste Lösung (= Bäume entfernen) nicht wählen und hat eine andere, vermeintlich sichere Lösung und weit verbreitete Maßnahme gewählt, nämlich Starkäste durch Kappung zu reduzieren.

Die SKT im Kletterblatt

Kappungen sind eine Kapitulation

Ich selbst halte solche Kappungen für eine Kapitulation. Mein Anspruch als Baumpfleger ist höher. Von dem einmal abgesehen bringt eine Kappung subjektiv gesehen in den Anfangsjahren nach der Kappung im Allgemeinen durchaus erst einmal mehr Sicherheit. Es dauert eine Weile, bis der Stamm aushöhlt, die Vitalität (sichtbar am Neuzuwachs) kann durchaus bestens sein – auch nach solch einer Radikalmaßnahme. Die Probleme holen den Baumbesitzer aber sehr schnell ein. Denn die jungen, vitalen Triebe werden ihrerseits schnell zu starken Ästen. Diese brechen nun immer leichter aus, weil die Kappungsstelle weg fault. Genau deshalb finden Sie bei Ihren Bäumen immer wieder herabgefallene Äste. Die Folge: Die so behandelten Bäume müssen zunehmend gepflegt, permanent nachgeschnitten und intensiver kontrolliert werden. Die Astanbindungen sind nicht mehr stabil. Die vermeintlich geringere Gefahr erkauft man sich bei Kappungen mittel- bis langfristig mit zunehmendem Pflege- und Kontrollaufwand.

Was passiert bei Kappungen?

Betrachten Sie einen einjährigen Ast mit seitlichen Knospen. Diese Knospen treiben zu Ästen aus. Die neuen Äste verzahnen sich an der Ansatzstelle mit dem Dickenwachstum des letztjährigen Astes (beziehungsweise späteren Stamms), aus dem sie entsprungen sind. Diese neuen Äste haben ihrerseits wieder Knospen. Diese treiben aus usw. nach vielen Jahren hat sich die ursprüngliche Astgabel vielfach verzahnt und das von Anfang an. Mit jedem Jahrring wird die Astverbindung stabiler (siehe Abbildung).

Grafik: A. Shigo: Baumschnitt, S. 157

Diese Äste nenne ich „Primär-Äste“, weil sie von Anfang an Teil des Systems waren. Kappt man einen Baum, dann treiben Neutriebe aus der äußeren Baumschicht aus schlafenden Augen aus (Proventiv– und Adventivknospen). Diese neuen Äste sind nun nicht mehr von Anfang an verzahnt, sondern sitzen außen auf (Sekundär-Äste). Erst nach vielen Jahren wäre eine Verzahnung wieder einigermaßen stabil, wenn nicht der Ursprungstammkopf von innen heraus ausfaulen würde. Sekundär-Äste sind somit per se gefährlicher. Wann immer möglich, sollte man Primär-Äste erhalten – zumindest an den entscheidenden Hebel-Stellen (= statisch wichtige Astgabeln).

Maßnahme im konkreten Fall

Für Ihre Eichen bleibt nur, die Kappungsstellen im Turnus von drei bis fünf Jahren (je nach Einschätzung) am Stammkopf nachzuschneiden. Dabei werden die starken Äste entfernt und auf jüngere Äste vereinzelt. Das Kronenausmaß sollte kompakt gehalten werden. Man kann trotzdem einen annähernd natürlichen Habitus hinbekommen. Die Art des Schnittes ähnelt einem Strauchschnitt (sehr vereinfacht ausgedrückt).

Alternativ kann man überlegen, eine neue Krone aufzubauen. Dies halte ich bei Ihnen aber nicht für sinnvoll. Diese Maßnahme bietet sich nur an, wenn noch genügend Primär-Äste als Kronengerüst zur Verfügung stünden. Das kann ich jedoch bei den Bäumen auf Ihrem Bild nicht ausmachen. Eine neue Krone aus Sekundär-Ästen wäre keine gute Idee. Denn bei Ihren Bäumen handelt es sich nicht um kleine Obstbäume, bei denen ausbrechende Äste keine Schäden verursachen und die leicht unter Kontrolle gehalten werden können. Würden Ihre Eichen nicht direkt an einem öffentlichen Weg stehen und die Äste über das Hausdach ragen, könnte man insbesondere bei Eichen durchaus etwas mehr Vertrauen in Sekundär-Äste haben (Pauschal-Aussagen sind natürlich immer so eine Sache). Das ist immer eine Gefahren-Abwägung.

Der richtige Schnittzeitpunkt

Da es sich bei der von mir empfohlenen Maßnahme nur um Pflegeschnitte handelt, ist der Schnittzeitpunkt nicht so entscheidend. Ich empfehle, nicht in der Zeit von Sommer (August) bis Februar zu schneiden. Am Ende der Vegetation würde man die besonders für ältere Bäume wichtige Reservestoffeinlagerung reduzieren. Je früher man im Winter schneidet, desto länger sind die Schnittstellen ungeschützt der Kälte ausgesetzt (Wundabschottung reduziert, Versorgungsschatten werden größer). Je weniger geschnitten wird, desto kleiner die Schnittstellen und je vitaler der Baum, desto unbedeutender wird der Schnittzeitpunkt.

Hohlen, mit Mulm gefüllte Stellen

Das ist eine heikle Frage. Am Stammfuß entscheidet sich, ob ein Baum noch standsicher ist. Je höher der Hebel, desto gefährlicher wird es. Was können Sie tun? Nichts – leider. Früher glaubte man, „krankes“ und „faules“ Holz müsse bis hinein ins gesunde Holz entfernt werden. Das hat sich aber als Irrtum herausgestellt. Einige Jahrzehnte hat die Baumpflege mit dem Aushöhlen von Bäumen, dem Setzen von Drainage-Röhrchen, dem Zumauern von Höhlungen etc. viel Geld verdient. Die Hoffnung war, man könne dem Baum durch „chirurgische“ Maßnahmen helfen. Das Gegenteil ist der Fall. Lassen Sie die Höhlungen, wie sie sind.

Aber!

Sie müssen die Standfestigkeit beobachten und kontrollieren – und das jährlich. Sie sind für die Verkehrssicherheit Ihrer Bäume verantwortlich. Die Standsicherheit kann man zum Beispiel durch eine spezielle Zugversuchs-Methode ermitteln. Neben den messtechnischen Erhebungen müssen die Wurzelanläufe begutachtet werden, die Baumvitalität, Grad der Höhlung u. v. m. Das sollten Sie kompetenten Baumgutachtern überlassen. Die Erst-Untersuchung dürfte etwas teurer werden. Die Folgeuntersuchungen sind dann sicherlich nicht mehr ganz so aufwendig.

Schlusswort

Kappungen der Krone, aber auch von Wurzelanläufen haben immer negative Auswirkungen auf das System Baum – mit den entsprechenden Folgekosten. Durch Kappungen wird die Lebensdauer von Bäumen reduziert. Sie sterben aber meist nicht sofort. Viele Bäume sterben langsam – dazu gehören auch die Eichen. Schön für die Natur, aber auch teuer für den Besitzer. Es wird Zeit, dass gute Baumpfleger Alternativen aufzeigen und sichtbar machen, wie guter Baumschnitt aussieht. Es schmerzt mich, wenn Bäume so verstümmelt werden, dass Sie zu Recht kein Vertrauen mehr zu den Ausführenden haben. Baumpflege ist kein geschützter Beruf. Schlechte Ausführung schadet unserem Berufsstand. Deshalb ruft das Baumpflegeportal regelmäßig den Baumpflegepreis „Goldener Schnitt“ aus. Für das Sichtbarmachen von gelungenen Baumschnitt-Maßnahmen. Damit Sie unserem Berufsstand wieder vertrauen.

Der Autor: Johannes Bilharz

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