Ergänzung

UMGANG MIT WASSERSCHÖSSLINGEN AN LINDEN

In meiner Antwort „Wie verhindert man starken Austrieb bei Linden?“ habe ich eine „Kleinigkeit“ in der Frage übersehen. Es ging dem Fragesteller nicht nur darum, zu erfahren, wie man viele und starke Wasserschösslinge bei Linden verhindert. Es ging ihm auch konkret darum, dass die Wasserschösslinge am Stamm austreiben und er dies gerne unterbinden würde. Deshalb reiche ich an dieser Stelle noch einige Ausführungen nach. Damit der Text auch ohne die ersten Ausführungen stimmig bleibt, kommt es an der ein oder anderen Stelle zu Wiederholungen.

Stammschösslinge bei Linden sehr stark

Bei Linden sind Stammschösslinge besonders stark ausgeprägt. Warum das so ist? Da müsste die Wissenschaft genauer Auskunft geben. Ich kann dazu nur so viel sagen:

Ab Juli/August lässt die Triebbildung bei Bäumen allgemein nach. Bei vielen Arten treibt der Baum nach Schnitt im Sommer (Juli/August) im gleichen Jahr gar nicht mehr aus. Auch bei Bäumen mit hohem Austriebspotential wie zum Beispiel Linden lässt die Fähigkeit zur Neutriebbildung stark nach. Werden Stockaustriebe am Stamm in dieser Zeit geschnitten, dürfte dies die vielen Wasserschösslinge langfristig reduzieren.

Rückschnitt im Winter verstärkt Bildung

Der Effekt wird noch größer, wenn beim radikalen Schnitt im Winter (alle drei bis vier Jahre, wie dies vom Fragesteller beschrieben wurde) nicht jedes Mal die gesamten blatttragenden Äste entfernt werden, sondern lediglich das ältere Holz durch jüngeres ersetzt wird. Schnitt im Winter regt die Wuchskraft des Baumes an, weil in den verbleibenden Starkästen, im Stamm sowie in den Wurzeln der Großteil der Reservestoffe eingelagert ist. Prinzipiell ist es gut, wenn der Baum viele Reservestoffe besitzt und kräftig und vital im Frühjahr austreiben kann. Aber durch „Provokation“ – was die komplette Entfernung der Äste für den Baum tatsächlich ist – wird der Baum zur Notlösung der Wasserschossbildung angeregt.

Normalerweise werden untere Äste im Wuchs unterdrückt, wenn über ihnen Konkurrenzäste stehen. Wird der Baum kahl geschnitten, fehlt diese überlagernde, höherstehende Konkurrenz und am Stamm bilden sich ungehindert Neutriebe. Es gibt allerdings viele verschiedene Wuchstypen. Buche oder Fichte treiben z. B. kaum aus dem älteren Holz nach, wohingegen Hainbuchen, Linden oder Weiden problemlos nachtreiben, sobald die Stammpartien freigestellt werden.

So lassen sich Wasserschösslinge langfristig reduzieren

Will man die Vitalität und den kräftigen Austrieb nutzen, aber die Austriebslänge der Äste reduzieren, müsste man den Schnitt im Winter wie folgt setzen: Das Austriebspotential müsste auf die unteren Knospen der Krone und die Knospen im Inneren des Baumes umgeleitet werden und nicht in die Spitze oder Peripherie. Werden die Wasserschösslinge am Stamm dann im Sommer entfernt, sollte sich der künftige Schnittaufwand allmählich reduzieren.

Allerdings wäre das Erscheinungsbild des Baumes dann ein anderes. Die Krone hätte nicht mehr die meisten Blätter in der Peripherie und wäre im Inneren kahl (wie es natürlich ist), sondern die meisten Blätter und Knospen hätte sie im Inneren und nach außen hin würde sie schlanker und lichter. Ob das gefällt, ist eine andere Frage.

Rückschnitt im Sommer als Alternative?

Man könnte die Linden auch statt im Winter im Sommer (Juli/August) komplett auf den Kopf zurückschneiden. Das müsste eigentlich den Wuchs schwächen, weil die Neutriebbildung nicht so stark ausgeprägt sein dürfte, wie dies bei Frühjahrs- oder Winterschnitt zu erwarten ist und weniger Reservestoffe für den Winter eingelagert werden. Das bremst normalerweise den Austrieb im Frühjahr. Der schwächere Austrieb wäre aber durch eine Schwächung des Baumes erkauft, was sicherlich nicht der Gesundheit des Baumes dient.

Sind Linden eine Ausnahme der Regel?

Ich schreibe deshalb so viel im Konjunktiv, weil es sein kann, dass die für andere Bäume stimmige Erklärung bei Linden möglicherweise nicht ganz zutrifft und die Linde einen Schnitt im Sommer hinsichtlich Reservestoffe problemlos wegsteckt. Ich gehe derzeit Hinweisen nach, bei denen Linden anscheinend schon seit Jahrzehnten ähnlich wie bei der konkreten Anfrage, aber im Sommer, alle drei bis vier Jahren auf den Kopf zurückgesetzt werden und entgegen meinen Erwartungen trotzdem vital und kräftig austreiben. Die Informationen, die ich erhalten habe, sind jedoch etwas vage und nicht hundertprozentig abgesichert, gerade was die Schnittzeiten und -rhythmen in den vergangenen Jahrzehnten anbelangt. Hier warte ich auf Rückmeldung nach dem diesjährigen Schnitt.

Sollte sich der Hinweis bestätigen, dann könnte es daran liegen, dass die saisonalen Unterschiede in der Physiologie bei Linden nicht so ausgeprägt sind, wie bei anderen Baumarten in unseren Breiten mit ausgeprägtem Winter und Sommer. In Gegenden ohne ausgeprägte Unterschiede zwischen Winter und Sommer werden das ganze Jahr Blätter und Blüten gebildet. Das heißt für mich, dass es dort keine ausgeprägten Reservestoffschwankungen gibt. Ich lerne gerne dazu und würde ggf. meine Empfehlungen ändern oder noch differenzierter ausführen.

Mir sind keine Hinweise aus der Literatur dazu bekannt, eigene Erfahrungen fehlen an dieser Stelle. Wenn emand hierzu langjährige Erfahrungen hat, wäre ich für Kommentare und Infos dankbar. Schicken Sie mir diesbezüglich gerne eine E-Mail.

Der Autor: Johannes Bilharz

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