Ast wird von Astschere abgezwickt.

August 2017

Richtiger Schnitt

Sommerschnitt neu definiert

Wann ist der richtige Schnittzeitpunkt für meinen Baum? Diese Frage erreicht das Baumpflegeportal fast wöchentlich. Doch die Beantwortung fällt hier selten leicht. Der Baum ist ein sehr komplexes Lebewesen, in dem unzählige biologische Vorgänge ablaufen. Noch schlimmer, die Vorgänge ändern sich permanent und dynamisch zum Teil als Folge eines Entwicklungszyklus, teils als Reaktion auf Umwelteinflüsse. Auch das Alter und der Gesundheitszustand haben Einfluss auf die Vorgänge im Baum. All dies hat Auswirkungen darauf, wie ein Baum auf Schnitt reagiert.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Eigentlich weiß jeder, Natur ist sehr komplex. Der Wunsch nach Einfachheit lässt uns das oft vergessen. Wir klammern uns an einfache Regeln. Sie lassen sich leicht einprägen und folgen einer leicht verständlichen Logik. Es wundert uns nicht, wenn diese nur selten so funktionieren, wie sie sollen. So schwört der eine auf Brenneselbrühe gegen Läuse, weil es bei ihm einmal funktionierte. Er wundert sich aber nicht, weshalb es das zweite und dritte Mal nicht funktioniert. Bei wem diese Methode beim ersten Mal nicht funktioniert, hält sie für Blödsinn. So ist das leider auch mit dem Sommerschnitt. Aus einem komplexen Thema arbeitet jemand eine einfache Regel heraus, die für einen bestimmten Fall funktioniert. Dies spricht sich herum und wandert in die Köpfe von Laien und auch Fachleuten und wird – losgelöst vom Ursprung – für alles verwendet. Auch dann, wenn´s schiefgeht. Schließlich gibt es genug Erklärungen, warum es genau dieses Mal nicht geklappt hat. Was genau nicht geklappt hat, das bleibt nebensächlich. Die Regel jedenfalls wird nicht in Frage gestellt. Meine Ausführungen zum Thema Sommerschnitt sind etwas umfangreicher. Ich hoffe, Sie verstehen mich nach dieser Einleitung, warum ich sie nicht kürzen möchte.

Sommer ist gleich Sommer?

Das Wort „Sommerschnitt“ ist in den letzten Jahren missverständlich verwendet worden. Die meisten gehen in unseren Breiten von vier Jahreszeiten aus. Die heißesten Monate Juni, Juli und August sind in Deutschland der Inbegriff des Sommers. Das entspricht der meteorologischen Jahreszeiteneinteilung, wo jeder der vier Jahreszeiten jeweils drei Monaten zugeordnet ist. Der astronomische Sommer hingegen beginnt in unseren Breiten derzeit meist am 21. Juni und endet mal am 21., mal am 22. September.

Der dubioseste Sommerbegriff ist in der Baumpflege verbreitet, leider auch unter Baum-Fachleuten. Viele sprechen in der Baumpflege nur von Sommer- und Winterschnitt, so als gäbe es nur Sommer und Winter. „Sommer“ wird dann fälschlich und irreführend oft mit „Vegetationszeit“ gleich gesetzt. Gemeint ist die belaubte Zeit. In den meisten Büchern über Obst- oder Gehölzschnitt wird nicht einmal erwähnt, für welche Jahreszeit eine Regel Gültigkeit hat. Diese Vereinfachung geht gar nicht! Denn um die Unterschiede der Entwicklungszyklen im Baum besser unterscheiden zu lernen, brauchen wir mehr Unterteilungen, nicht weniger.

Phänologische Zeiteinteilung

Für den Baumschnitt ist eine phänologische Einteilung der Jahreszeiten dringend anzuraten, in der der saisonale Entwicklungsstand der Natur die Einteilung vorgibt. Das können durchaus bis zu 10 Entwicklungsstadien sein. Es würde dann einfach der Entwicklungsstand benannt werden, wie „Beginn der Blüte“, und jeder könnte bei sich selbst am Baum diesen Zustand erkennen und zum optimalen Zeitpunkt Maßnahmen passgenau durchführen. Das wäre ideal, aber zugegeben auch sehr schwierig, weil nicht planbar. Denn wie wollen Sie im Voraus wissen oder überhaupt den Zeitpunkt erkennen, wann die Birken zu blühen beginnen. Es gäbe wahrscheinlich eine große sprachliche Verwirrung, weil innerhalb der einzelnen Kleinklimaregionen (Berg/Tal; Norden/Süden, Stadt/Land), aber auch innerhalb der Baumarten (Unterschiede im Genotyp) große Differenzen auftreten.

Für Laien, aber gerade auch für Fachleute, sollten wir uns doch zumindest auf vier Jahreszeiten einigen. Deshalb bitte jeden Fachautor, jeden Fachreferenten und jeden Baumpfleger zurecht weisen, aber auch bei Laien bitte sofort Einspruch erheben und korrigieren, wenn beim Thema Baumschnitt nur von Sommer und Winter gesprochen oder gar überhaupt nicht zeitlich unterschieden wird. Ich weiß nicht, wie man sonst eine unzulässige und für den Baum schädliche Vereinfachung und Pauschalierung von Maßnahmen für große Zeitspannen aus den Köpfen der Leute bekommen kann.

Der richtige Zeitpunkt für den Sommerschnitt

Der eigentliche, zunächst hauptsächlich im Obstbau gebräuchliche, Sommerschnitt beginnt nach dem Ende des Trieblängenwachstums. Bei den meist verwendeten Obstbaum-Arten ist das Haupttriebwachstum ungefähr im Juli beendet. Das Triebwachstum ist dann sichtbar abgeschlossen, wenn die Endknospe gebildet ist.* Der Sommerschnitt umfasst somit den Zeitraum Juli/August, vielleicht im ein oder anderen Fall noch das Ende des Juni oder den Anfang vom September. Ein Blick auf die Endknospe der Neutriebe hilft, den Beginn des Zeitraumes für den Sommerschnitt zu erkennen, die Betrachtung der Blätter kann das Ende verdeutlichen. Dann beginnt die Blattfärbung und damit der Rückbau der Nährstoffe aus dem Blatt.

*Wie entstehen eigentlich Blüten?

In dieser Zeit findet auch die Differenzierung der neu angelegten Endknospe bei Apfel- und Birnbäumen statt. Nur wenn die Endknospe mit ihrer Entwicklung „fertig“ ist, kann sie den „Ritterschlag“ zur Blüte erhalten (das sind vornehmlich kurze Triebe). Die Triebe, die noch wachsen, wie beispielsweise Wasserschosse, haben zur Zeit der Blütenknospendifferenzierung noch keine Endknospe, die zur Blütenknospe werden könnte. Auch hier gilt: Wer zu spät kommt….

Was macht der Baum im Sommer?

Während der Vegetationszeit (Frühling, Sommer, Herbst) durchläuft der Baum die unterschiedlichsten physiologischen Phasen. Diese sind abhängig von klimatischen Parametern. Diese lassen sich leider nicht exakt datieren und auch nicht so leicht erkennen. Man kann schließlich nicht in den Baum hinein schauen. Clevere Naturexperten haben deshalb die Phänologie eingeführt. Biologische Prozesse werden mit pflanzlichen Entwicklungserscheinungen sichtbar gemacht. Wir sprechen dann nicht von April, Mai, Juni, sondern besser von Blattaustrieb, Blühbeginn, Blattfall. Klingt praktisch und verständlich – hat jedoch andere, nicht unerhebliche Nachteile. Die Zeitdauer der Entwicklungsphasen ist sehr unterschiedlich und variiert von Jahr zu Jahr, von Ort zu Ort, sogar von Individuum zu Individuum (Genotyp). Niemand hat die Zeit, jede Pflanze für sich zu betrachten. So bleiben wir doch meist an der Angabe eines Datums hängen. Bitte behalten Sie deshalb immer im Hinterkopf: Zeitangaben können immer nur Ungefähr-Angaben sein!

Jeder kann sich leicht an fünf Finger abzählen, dass sich Schnitte in den verschiedenen Phasen unterschiedlich auswirken. Mit Beginn des Sommers ist die maximale Blattmasse entwickelt und der Höhepunkt der Assimilat-Produktionskapazität erreicht. Neue Blattmasse kommt nur noch wenig hinzu, denn die meisten Neutriebe haben ihr Längenwachstum beendet. Sie können sich anstrengen wie sie wollen, aber der Baum will im Sommer keine neuen Triebe und auch keine neuen Blätter mehr bilden. Das wäre auch nicht sinnvoll, denn die verbleibende Entwicklungszeit bis zum Winter wird immer kürzer. Bis zum Winter muss ein Ast sich komplett entwickelt haben, will er heil durch den Winter kommen. Mit dem Schnitt in dieser Zeit kann also nicht direkt der Neuaustrieb beeinflusst werden. Schneidet man Hecken mit der Heckenschere oder pinziert man einjährige Triebe im Frühjahr, treiben aus seitlichen Knospen neue Triebe aus, d.h. die Verzweigung wird gefördert. Das funktioniert bei Sommerschnitt nicht.

Das Dickenwachstum lässt im Sommer nach. Die Früchte haben ihre Entwicklung weitgehend abgeschlossen. Sie werden zwar noch größer, aber das geschieht hauptsächlich durch Wassereinlagerungen und nicht mehr so sehr durch Bildung von neuen Zellen. Für die Reife werden im Verhältnis zur Hauptwachstumsphase kaum Assimilate benötigt. Was tun mit all den Assimilaten, die von den Blättern produziert werden? Der Baum schwenkt um. Er sieht den Herbst kommen und die Winterzeit. Jetzt kümmert er sich darum, für den Winter Energie einzulagern. Er braucht viele Reservestoffe, um den harten Winter zu überstehen. Er muss schließlich Frostschutz und Atmung, Wurzel- und Knospenwachstum aufrecht erhalten. Außerdem nutzt er die Stoffe, um im Frühjahr austreiben zu können. Anfangs sind keine Blätter vorhanden und müssen erst mal gebildet werden. Reservestoffe sind die Auto-Batterie des Baumes. Der Baum braucht sie hauptsächlich zum Starten.

Positive Wirkung des Sommerschnittes

Beim klassischen Schnitt im Obstbau werden beim Sommerschnitt (in der Zeit Juli/August und hauptsächlich bei Apfelbäumen) nur einjährige Triebe entfernt und auch nur diejenigen, die im Winter sowieso weg kämen (zu große Triebe, falsche Wuchsrichtung, Ausdünnen). Das Entfernen dieser Triebe soll die Besonnung der Früchte fördern. Früchte werden süßer und geschmacklich intensiver und Trauben bekommen mehr Oechsle, was besonders die Weintrinker freuen wird. Auch dient es der Förderung der ausgewählten neuen Fruchtäste und der daran im Juli gebildeten Blütenknospen. Sie entwickeln sich mit weniger Konkurrenz ebenfalls besser.

Mäßigt man sich beim Entfernen dieser Triebe, ist der Blattverlust für den Baum kein Problem. Die noch vorhandenen Blätter bekommen mehr Sonne, sind deshalb produktiver und können im Idealfall einen Großteil der Verluste auffangen. Man nennt das Kompensationsfähigkeit. Hingegen kann der Verlust an Blattmasse bei starken Schnittmaßnahme und strukturellen Verlusten wie dem Entfernen von größeren Astteilen nicht aufgefangen werden. Merke: Solange nur mäßig ausgelichtet wird, kann der Verlust kompensiert und eine Schwächung des Baumes verhindert werden. Hinsichtlich Wundabschottung wäre der Zeitraum für den Baum besser für Schnittmaßnahmen geeignet, als der frühe Winter. Das hilft dem Baum jedoch nur bei mäßigem Schnitt, wenn damit die Reservestoffeinlagerung nicht behindert wird. Dazu im nächsten Absatz mehr.

Schädliche Wirkung beim Sommerschnitt

Zum Sommerschnitt ist bei den meisten Bäumen die Obergrenze der Blattentwicklung erreicht oder überschritten. Es gibt Bäume, die auch schon im Sommer beginnen, Laub ab zu werfen. Blätter sind die Energiekraftwerke und Produktionsfabriken der Bäume. Jedes Blatt produziert „Energie“ in Form von Assimilaten. Entfernen Sie beim Schnitt zu viel Blattfläche indem Sie mehrjähriges Holz entfernen oder zu viele Äste entnehmen, kann es zwei Reaktionen geben: Es treiben noch neue Äste aus oder die Fähigkeit zur Neutriebbildung ist schon vorbei und es passiert äußerlich gesehen (fast) nichts.

Eigentlich ist es gut, wenn nach Schnitt wieder neue Äste austreiben und Blätter zur Verfügung stellen, die den Verlust kompensieren. Nicht jedoch, wenn die Neutriebe kurz vor Abschluss der Hauptwachstumsphase nochmals austreiben. Der Hintergrund ist folgender: Während der Hauptwachstumsphase im April-Mai kann durch Neutriebe die unweigerlich auftretende Wuchsdepression schnell wieder kompensiert werden durch Neutriebe und Blätter. Neutriebe verbrauchen anfangs jedoch oft mehr Energie, als dass sie abgeben. Sie müssen sich außerdem bis zum Winter ausreichend entwickelt haben. Erfolgt der Schnitt kurz vor dem Triebabschluss und treibt der Baum nach dem Schnitt nochmals aus, verbleibt oft nicht genug Zeit, um die Triebentwicklung abzuschließen. Folge: Der Ast ist nicht genug gewappnet für die Winterzeit (Frosthärte) und stirbt entweder ab, oder er überlebt, ist jedoch sehr geschwächt und damit anfällig für Krankheitserreger. Alles hat eben seine Zeit, gerade in der Natur. Auch ein Ast muss früh starten, um für den Winter gerüstet zu sein.

Im Sommer hingegen können Sie nicht mehr mit Neutrieben rechnen. Die Neutriebbildung hat aufgehört. Sie können also nicht mehr darauf bauen, dass der Baum durch Neutriebe die Verluste ausgleichen kann. Wer mit dem Sommerschnitt starke Äste abschneidet, strukturell eingreift und radikal Blattmasse entnimmt, der zwingt dem Baum mehrere Probleme auf. Zum einen muss der Baum Nährstoffe umleiten. Statt mit den Assimilaten die Reservestoffspeicherzellen zu füllen, wird ein Teil davon abgezweigt für Wundreaktionen. Zum anderen führt eine starke Reduktion der Produktionsfabriken (Blätter) zu einer starken Reduktion der Reservestoffmenge. Das hat zur Folge, dass die Reservestoffspeicher nach dem Ende der Einlagerungsphase nicht prall gefüllt sind, sondern je nach Schnittstärke unter Umständen gefährlich reduziert. Warum gefährlich? Reservestoffe sorgen zunächst für die Frosthärte. Sie dienen jedoch auch als Energiequelle für die Stoffwechselprozesse, die über den Winter selbstverständlich weiter gehen. Der Baum ist schließlich nicht tot. Biologisch-chemische Prozesse sind zwar im Winter stark reduziert, aber nicht abgestellt. Wussten Sie, dass Bäume auch im Winter Feinwurzeln bilden, in den Knospen Zellteilung stattfindet und sie auch im Winter weiter wachsen oder in vielen Baumrinden auch grüne Chlorophyll-Zellen weiterhin Sauerstoff produzieren? Zugegeben verläuft alles sehr langsam und in bescheidenem Umfang. Von Stillstand kann aber nicht die Rede sein. Der größte Teil der Reservestoffe wird jedoch für den Frühjahrsaustrieb benötigt. Ein schwacher Austrieb mag dem ein oder anderen vielleicht zunächst ganz Recht sein, weil er Angst hat vor dem Wachsen des Baumes. Dem Baum kann es zum Verhängnis werden. Ein dicker alter, schwächlicher Baum hat viel Kambiumfläche, die will versorgt werden. Schwacher Austrieb heißt, fehlender Nachschub. Ein geschwächter Baum wird noch schwächer, das heißt die Widerstandskraft auch gegen Schaderreger lässt massiv nach. Wer erschöpft ist, ist krankheitsanfälliger, das leuchtet sicherlich jedem ein. Bäume sterben dann nicht, obwohl Baumpfleger sie im Sommer noch „gepflegt“ haben, sondern „weil“!

Fazit Sommerschnitt kurz und knapp

Mäßiger Schnitt, vor allem der einjährigen Triebe bei Obstbäumen oder leichte Kronenpflege bei Bäumen, ist im Sommer ohne weiteres möglich, und kann durchaus auch für einige Ziele förderlich sein (Fruchtreife, Knospenentwicklung). Größere und strukturelle Schnitteingriffe wie mehrjährige Astverzweigungen und Schnitte, das Kronengerüst betreffend, sind beim Sommerschnitt zu vermeiden. Ausnahmen sind das Entfernen von Gehölzen in Naturschutzwiesen oder das Entfernen von Stammaustrieben. Achten Sie bei Schnitten egal zu welcher Jahreszeit immer auf die richtige Schnittführung.

Der Autor: Johannes Bilharz

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