Starke Baumtypen

Der Baum im Seidengewand

Wann ist der Baum am schönsten? Im Frühjahr, wenn die Knospen sprießen und blühen und wir den Baum emotional auf den Obstbaum in voller Blüte reduzieren? Im Sommer, wenn der Baum in voller grüner Ummantelung ist? Im Herbst, wenn die Tristesse anklopft, aber der Baum sich mit einer fast maßlosen Farbenpracht dagegen stemmt? Oder im Winter, wenn der Baum einfach so ohne alles dasteht – reduziert auf Baum, Struktur, bizarre Linien. Ich mag diese Bäume: am liebsten in einer Nebelsuppe, aus der sie langsam auftauchen.

Die Schönheit des Frühjahres

Aber am schönsten finde ich Bäume im Frühjahr – nicht wegen der Blüten. Obwohl ich eine Wanderung durch Streuobstgebiete schätze. Doch da fokussiert sich der Blick auf die Blüten.

Wenn Kinder im Alter von drei bis vier Jahren Bäume malen, zeichnen sie einen Stamm und von diesem ausgehend Äste, an deren Spitze etwas Grün gekleckst wird. Firmen, die den Baum als Logo haben, stilisieren ihn meist auf einen kurzen Stamm und eine geschwungene Linie, die ein Gesamtbild des Baums zeigen soll. Die Äste verschwinden. Bei Traueranzeigen werden dagegen meist die Äste gezeigt (vorzugsweise die der Trauerweide) und die Blätter sind gefallen.

Alles im Blick: Stamm, Äste, Zweige, Blätter!

Ich finde den Baum im Frühjahr am schönsten, wenn er schon Blätter austreibt, aber noch nicht so stark, so dass man die Äste noch sehen kann. Es ist eine Art Röntgenblick, den mir der Baum im Frühjahr ermöglicht: diese Sicht auf das anarchische Durcheinander der Äste – nur verhüllt von einem durchsichtigen Seidenmantel – bevor der Baum sein grobes, undurchsichtiges Hemd aus Blättern überstreift und die Äste verschwinden.

Meine Bilder zeigen einen solchen Baum: eine Eiche, die allein stehend auf einer Wiese ihre Pracht zeigen darf. Leider kam ich etwa zwei Wochen zu spät. Die Eiche ist gerade dabei, sich das grobe Hemd aus Blättern anzuziehen. Aber noch schimmern die Äste durch.

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