Schneeschaden: Starkast an Quitte ausgebrochen

Die Frage:

Starkast an Quitte durch Schnee ausgebrochen

User fragen Baumpfleger

Durch einen Schnee-Einbruch mit sehr nassem Schnee im Oktober ist an meinem Quittenbaum ein starker Ast abgebrochen, der auch den Stamm entzwei gerissen hat. Der Baum ist fünf Jahre alt, sehr gut tragend und gesund. Nun stehen nur noch zwei Drittel der Krone, die Wunde am Stamm (im Kernholz) liegt offen.

Sollte man die Wunde an der Abruchstelle verschließen? Gibt es eine Chance, dass der junge Baum wieder zu dieser Seite austreibt?

Die Antwort:

Heilkräfte des Baumes gezielt stärken

Baumpfleger antworten Usern

Das hört sich nach einem sehr großen Schaden an. Ich habe kein Bild von Ihrem Quittenbaum. Aber Ihrer Schilderung nach zu urteilen, handelt es sich wahrscheinlich um einen „Totalschaden“. Anders als beim Auto muss das für den Baum jedoch nicht heißen, dass er „fahruntüchtig“ ist.

Eintrittspforte für Bakterien und Pilze

Der Baum ist an einer statisch zentralen Stelle verletzt. Von hier aus werden Pilze und Bakterien anfangen, das abgestorbene Holz zu zersetzen und sich nach oben und unten im Kernholz auszubreiten. Das destabilisiert den Baum in seiner Statik. Die intakten Leitungsbahnen werden versuchen, sich gegen diese Angriffe abzuschotten und Barrieren aufbauen. Das gelingt bei den von Ihnen geschilderten Ausmaßen jedoch meist nur schlecht. Es beginnt nun der Kampf um die „Statik“.

Der Baum fault von innen heraus aus. Die äußeren noch lebenden Schichten bilden von Jahr zu Jahr neue Jahrringe aus. Solange der Baum vital ist, kann das ein paar Jahre funktionieren. Die für den Baum wichtigen Zonen sind die äußeren, jüngsten und vitalen Jahrringe. Wenn Sie den Quittenbaum nicht gleich fällen und erst abwarten wollen, stellt sich die Frage, wie man dem Baum helfen kann.

Wundverschlussmittel ist keine Lösung

Um eine Ihrer Fragen gleich vorweg zu beantworten: Was nicht hilft, ist, das freigelegte Kernholz mit einem Wundverschlussmittel zu belegen. Das freigelegte Kernholz stirbt ab und wird zersetzt – ob mit oder ohne Wundverschlussmittel. Denn das Kernholz hat nicht die Fähigkeit, sich zu reparieren. Alles was tot ist, wird zersetzt und abgebaut. Das Kernholz besteht hauptsächlich aus länglichen Leitungsbahnen, die für Pilze die reinsten Autobahnen darstellen. Deshalb breitet sich die Fäule nach oben und unten relativ schnell aus.

Am Besten können sich die neu zuwachsenden Jahrringe gegen die Pilzangriffe wehren. Sie reagieren mit Abschottungsbarrieren. Es gilt deshalb, den Quittenbaum vital zu halten, damit er kräftige neue Jahrringe ansetzt.

Unterstützung für den Quittenbaum mit Astausbruch

  1. Gestalten Sie das Umfeld des Quittenbaumes so, dass dieser sich wohlfühlt und die Wurzeln genügend Feuchtigkeit und Nährstoffe erhalten. Ist der Baum vital und „lebenslustig“, schafft er es, sich gegen Pilze bestmöglich abzuschotten, die Pilzausbreitung somit stark zu verlangsamen und den Pilzen durch Dickenwachstum davon zu wachsen. Der Baum wird zwar hohl, aber auch hohle Strukturen können durchaus lange stabil stehen.
  2. Sorgen Sie durch Baumschnitt dafür, dass starke Hebelkräfte in der Peripherie vermieden werden und die Lasten ausgeglichen verteilt sind. Schnittmethode: Schlankschnitt.

Hinweis zum Schlankschnitt

Vor über 30 Jahren habe ich herausgefunden, wie man durch baumverträglichen Schnitt den Baum klein halten kann, ohne ihn zu kappen und dadurch dem Baum zu schaden. Um die Schnittmethodik zu benennen habe ich – in Ermangelung eines besseren – den Begriff „Schlankschnitt“ benutzt. Da ich inzwischen in unzähligen Schnittkursen vom Schlankschnitt gesprochen habe und er bei den Schnittkursteilnehmern im Kopf verankert ist, außerdem Gerhard Weyers sich die Mühe machte, diese Methodik schriftlich näher zu erläutern, macht es sicherlich Sinn, es dabei zu belassen.

Die günstigste Schnittzeit für Ihren geschädigten Quittenbaum

Mit dem Schnitt warten Sie am Besten bis zum Frühjahr ab. Schneiden Sie aber noch vor dem Blattaustrieb. Der Blattfall ist zur Zeit voll im Gange. Das heißt, die Reservestoffeinlagerung dürfte nahezu abgeschlossen sein. Schnitt vor dem Blattfall wäre ungünstig, da die Vitalität des Baums gefördert werden muss und dazu ausreichend Reservestoffe notwendig sind. Der Aufbau von Abschottungszonen ist zwar über den Winter hinweg eingeschränkt. Aber bei derart großen Wunden ist es wichtiger, die Vitalität hoch zu halten. Durch Schnitt kurz vor dem Blattaustrieb kann man diese ungünstige Zeitspanne durch die Schnittverletzungen verkürzen und die Schäden durch verlangsamte Abschottung klein halten.

Genügend Reservestoffe sind zum einen wichtig, dass der Baum Barrieren aufbauen kann (dazu wird Energie benötigt), er gut durch den Winter kommt (Reservestoffe sind die einzige Energieversorgung im Winter) und er möglichst winterhart ist (Reservestoffe sorgen für Frostschutz). Außerdem soll der Baum möglichst vital gehalten werden. Hat er nach dem Winter genug Reservestoffe übrig, ist auch ein guter Austrieb zu erwarten. Guter Austrieb = gutes Wachstum = gute Vitalität.

Der geeignete Schnitt für die geschädigte Quitte

Als Schnittmethode wählt man am Besten den „Schlankschnitt“. Dieser sorgt dafür, dass die Masse der Feinäste nicht in der Peripherie ist – sondern umgekehrt, die Masse der Feinäste nach hinten verlagert wird. Kurz gesagt: Vorne wenig Knospen, dünne Äste, wenig Verzweigung, nach hinten hin zunehmend mehr Knospen, dickere Äste, stärkere Verzweigung. Das hält nicht nur den Baum klein, sondern positioniert auch die Lastverteilung mehr zur Mitte und zum Stamm (die Last sozusagen nicht in der Peripherie, sondern im Innern).

Durch den Schlankschnitt wird die Apikaldominanz (das heißt ungefähr; die Triebdominanz an der Astspitze und an den höchsten Ästen) gebrochen und die Wuchskraft gleichmäßiger auf die gesamte Krone verteilt. Statt starkem Zutrieb in der Peripherie und geringem Wachstum im Innern der Krone, verteilt sich die Wuchskraft gleichmäßig auf alle Knospen. Die einzelne Trieblänge ist dadurch insgesamt kleiner, weil sich das Wuchspotential auf viele Knospen verteilt.

Erklärungsbeispiel

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Million Euro zu gewinnen. 1.000 Leute nehmen am Gewinnspiel teil. Normalerweise liegt der Reiz des Gewinnspiels darin, dass man viel gewinnen kann. Das Glück trifft dann aber nur Wenige. Die Gewinnverteilung könnte so aussehen: Der Erste gewinnt 500.000 Euro, der Zweite 300.000 Euro, der Dritte noch 100.000 Euro. 100 Teilnehmer bekommen 1.000 Euro und die restlichen ca. 900 Teilnehmer gehen leer aus.

Übertragen auf Bäume hieße das, die gesamte Menge an zur Verfügung stehender Energie (Assimilate) wird nur an wenige verteilt – in diesem Fall an Knospen, die das größte Wuchspotential haben. Das sind die oberen Äste beziehungsweise die Knospen an der Astspitze oder Astoberseite. Folge: Wasserschosse beziehungsweise stark wachsende Äste oben, in der Peripherie oder an exponierten starken Schnittstellen. Die inneren Äste verkahlen, weil sie nichts abbekommen.

Der Schlankschnitt ist so etwas wie soziale Marktwirtschaft, im Extremfall vielleicht sogar Kommunismus: Alle bekommen gleich viel. Das heißt, alle 1.000 Gewinnspielteilnehmer bekommen 1.000 Euro. Davon wird keiner so richtig reich – wahrscheinlich gerademal der Wetteinsatz – dafür aber gerecht verteilt.

Erläuterung zum Schlankschnitt

Der Schlankschnitt verlagert das Wuchspotential in das Kroneninnere. Somit wird auch das Kronengewicht nach innen verlagert. Das verhindert zum einen das Ausbrechen weiterer Starkäste und bringt auch die künftige Fruchtlast von der Peripherie mehr in Stammnähe. Gleichzeitig wird das Längenwachstum stark verlangsamt (Höhenzuwachs verringert), weil die Austriebslängen gering bleiben. Denn die zur Verfügung stehende Gesamtenergiemenge wird auf alle Knospen gleichmäßig verteilt.

In der Regel erkennen und sehen die meisten Menschen, ob hinsichtlich der Astverteilung ein Ungleichgewicht herrscht. Ist das der Fall, muss ausgeglichen werden. Lediglich die Art und Weise, wie man das macht, ist nicht so einfach. Hier gibt es bei Laien und manchem Fachmann noch Aufklärungsbedarf, weil der „Schlankschnitt“ noch nicht ausreichend in der Literatur verankert ist und gelehrt wird.

Möge der Quittenbaum trotz starker Verletzung noch viele Jahre leben und durch Früchte erfreuen.

Der Autor: Johannes Bilharz

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