Die Frage:

Kappung von Weiden im öffentlichem Raum gerechtfertigt?

User fragen Baumpfleger

In unserer Straße (Weidenweg) standen sechs große, gesunde Weiden im öffentlichen Parkplatzbereich. Diese wurden im letzten Herbst (November 2014) aufgrund der Beschwerde eines Anwohners wegen zuviel Laub auf seinem angrenzenden Grundstück durch den Bauhof der Stadt komplett „geköpft“. Das heißt, es blieb nur der nackte Stamm bis zur Höhe von circa zweieinhalb Metern stehen. Der Stammumfang in einem bis anderthalb Metern Höhe beträgt ungefähr 70 Zentimeter beim kleinsten der Bäume. Daraus sollten Kopfweiden entstehen. Wer darf denn solch eine gravierende Maßnahme beschließen (hier der Bauhofleiter)? In einer Antwort des Bauhofs auf meine Anfrage wegen der mittlerweile toten Bäume hieß es nur: So wäre es nicht geplant und absehbar gewesen, Grund für das Absterben sei die Trockenheit im Frühjahr 2014. Aber meines Erachtens hat die Kommune doch nach so einer Maßnahme auch die Pflicht zur Pflege oder nicht? Es hat sich nie wieder jemand um die Bäume gekümmert. Welchen Wert ein großer, herrlicher Baum hat, in dem Vögel nisteten und der auch Schatten spendete, ist in Geld doch gar nicht aufzuwiegen. Natürlich lässt sich das alles nicht rückgängig machen, aber ich würde gerne wissen, wer in so einem Fall die Verantwortung trägt (und die Kosten für die angebotene Neupflanzung).

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Die Weiden nach der Kappung im Frühjahr

Zwei der Bäume haben nicht wieder ausgeschlagen. Einer hatte angesetzt, ist dann aber vermutlich aufgrund der Trockenheit (Frühjahr 2014) eingegangen. Die drei anderen sehen Sie auf den Fotos mit unkontrolliertem beziehungsweise ungepflegtem Austrieb. Wie Sie sehen können, handelt es sich um ein Wohngebiet, die Grundstücke sind durchschnittlich groß (500 bis 1000 Quadratmeter). Die Bäume waren circa 15 Jahre alt und schätzungsweise zwischen zehn und zwölf Metern hoch. Ob dies eine Begründung für die Maßnahme sein kann, weiß ich nicht.

Stellungname des Bauhofleiters

„In den letzten Jahren gab es durch unmittelbar betroffene Anwohner immer wieder Beschwerden über massiven Laubeintrag in deren Grundstücken. Zudem wurde die Parkraumnutzung durch das typische abwerfen von Ästen eingeschränkt. Daher hatte ich mich entschlossen, die Bäume durch Schnittmaßnahmen als Kopfweiden weiter zu kultivieren. Dies ist eine anerkannte Methode im Garten- und Landschaftsbau, speziell bei Weiden, die auch zum richtigen Zeitpunkt und fachgerecht ausgeführt wurde. Zu keiner Zeit bestand die Absicht, die Bäume zu fällen. Leider haben durch die ungünstigen Witterungsbedingungen, speziell der Frühjahrestrockenheit, drei Weiden nicht wieder ausgetrieben, was keinesfalls vorhersehbar war. Wir werden die Bäume zur nächsten Pflanzperiode ersetzen.“

Dass Äste die Parkraumnutzung einschränken, ist unerheblich, da nicht so viele Autos dort parken. Außerdem wäre meines Erachtens die Kommune eher verpflichtet, die Äste wegzuräumen. Mein Ziel ist es – falls es sich um nicht fachgerechte Ausführung handelt – zu erreichen, dass solche Maßnahmen zukünftig vermieden werden und sich die Kommune auch um die erforderliche Pflege der Bäume kümmert. Dazu würde ich gern Ihre Stellungnahme einbeziehen. Vielen Dank!

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Die Antwort:

Die Maßnahme war fachlich falsch!

Baumpfleger antworten Usern

Leider ist es nicht immer einfach, über richtig oder falsch zu urteilen: Sehr viele verschiedene Gesichtspunkte spielen bei solchen Entscheidungen eine Rolle. Ich will aber trotzdem versuchen, meine Aussage objektiv zu begründen – werde aber auch eigene Ansichten einfließen lassen.

Erst einmal finde ich es schön und löblich, wenn Straßen nach Bäumen benannt werden – und genau diese Baumart dann als begleitender Straßenbaum hervorgehoben wird! Leider sind Weiden nicht unbedingt die idealen Straßenbäume: Sie sind sehr starkwachsend, zählen eher zu den Pioniergehölzen und Astausbrüche kommen hier eher vor als bei anderen Baumarten. Pioniergehölze haben meist auch keine allzu hohe Lebenserwartung. Das ist sicherlich kein zwingender Hinderungsgrund bei der Baumauswahl. Schließlich ändert sich in Städten sowieso ständig etwas. Die Kriterien für die Baumauswahl sind subjektiv. Objektiv mag es so sein, dass bei Weiden an Straßen ein höherer Pflegeaufwand anfällt.

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Bäume im öffentlichen Raum

Für uns Fachleute ist es nicht verwunderlich, dass Anwohner sich über herabfallende Blätter beschweren. Das hören wir täglich. Bäume können aber nunmal nur leben, wenn sie Blätter bilden und abwerfen. Reduziert man die Blattmasse durch Schnitt, ist das nur eine kurzfristige Maßnahme. Der Baum wird in kürzester Zeit versuchen, die Blätter wieder zu ersetzen.

Man kann das vorab bei der Auswahl des Baums berücksichtigen. Es gibt neben künstlichen Plastikbäumen sicherlich auch lebendige Pflanzen, die kaum Blätter verlieren, klein bleiben oder wenig Arbeit machen. Es empfiehlt sich, die Entscheidung vor dem Pflanzen zu treffen. Will man das pflegeleichte Einheitsgrün der Vorgärten, pflegeleichte Kies- und Steinvorgärten oder will man Natur. Gründe für letzteres finden sich zur Genüge. Wer jedoch Blätter und Früchte als lästigen Dreck und die Pflege von Bäumen als lästige Arbeit ansieht, keinen Schatten, sondern freie Sicht möchte, der wird möglicherweise die Luftreinigung, die ausgleichende Wirkung für Temperatur und Feuchte sowie den Lebensraum für Tier- und Pflanzenwelt geringer einschätzen. Der Mensch entscheidet (Anwohner, Stadtrat, Bauhofleiter).

Exkurs Weidenarten

An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass Weide nicht gleich Weide ist. Denn es gibt weltweit fast 500 Weidenarten, wovon circa 50 in Mitteleuropa vorkommen. Darunter gibt es allerhand Variationen: Vom niedrigen Zwergstrauch bis zum hohen Baum findet sich alles. Hinzu kommt noch, dass wild gewachsene Weiden meist Kreuzungen sind. Weiden bastardieren stark miteinander, weshalb eine eindeutige Bestimmung der Art bei natürlich gewachsenen Weiden selbst Fachleuten schwerfällt. Es sei mir verziehen, wenn ich deshalb im folgenden nur ganz allgemein von „Weide“ spreche.

Weiden und Kopfbaumschnitt

Der Bauhofleiter hat in diesem Punkt recht: Weiden werden gerne als Kopfbäume gehalten. Die in Ihrer Straße durchgeführte Maßnahme hat jedoch nichts mit Kopfbaumschnitt zu tun. Dem Baum die komplette Krone zu nehmen und auf seinen Stumpf abzusetzen, weil Bewohner sich über Laub und herabfallende Äste beschweren, ist aus baumpflegerischer Sicht nicht fachgerecht. Kopfbäume sind keine Bäume, die geköpft oder mit einem Schnitt ihrer gesamten Krone beraubt werden. Das sind Bäume, die von Beginn an immer wieder auf eine Stelle zurückgestutzt werden. An dieser Stelle bildet sich mit der Zeit eine Verdickung, die man als „Kopf“ bezeichnet. Nicht jede Baumart eignet sich dafür. Geeignet sind neben Weiden auch Platanen und Linden.

Kappung statt Kopfbaumschnitt

Die Maßnahme in Ihrer Straße war kein Kopfbaumschnitt, sondern ist fachlich als Kappung anzusehen. Es gibt Baumarten – dazu zählen die Weiden – die derart massive Kappungen überleben können und wieder austreiben. Gesund sind solche Maßnahmen für die betroffenen Bäume trotzdem nicht. Sind die Umstände ungünstig (nicht genügend Reservestoffe zum erneuten Austreiben, Trockenheit, Schädlinge, Krankheiten, etc.), kann das auch für Weiden den Exodus bedeuten.

Viele Laien haben bei solchen Maßnahmen im Hinterkopf, dass es doch durchaus gängig sei, Bäume an Bachufern „auf den Stock zu setzen“. Das wird oft mit Weiden gemacht, die sich gerne an Bachläufen verbreiten. Dieses „auf den Stock setzen“ ist ebenfalls eine Kappung. Ob es richtig ist oder nicht, bestimmen Ziel und Hintergrund der Maßnahme. Auch der Ort oder die Mittel, die Arbeits-Kapazitäten oder das Werkzeug. Meist treiben die Weiden danach wieder aus dem Stumpf aus und können sogar erneut zu stattlichen Bäumen heranwachsen. Diese Weiden sitzen aber meist am Bach und haben zumindest kein Problem mit der Wasserversorgung. Das war in Ihrer Straße anders. Dort sind die Bedingungen für die Wurzeln sicherlich nicht so optimal wie an Gewässern. Was den Schnitt betrifft, so ist auch das „auf den Stock setzen“ eine Kappung mit all ihren (negativen) Folgen.

Nicht fachgerechte vs. fachgerechte Kopfbaumpflege

Fotos: 3 BaumRinge; 4 Peter Klug: Kronenschnitt an Bäumen, S. 134)

Aber Achtung!

Auch falsch geköpfte beziehungsweise gekappte Bäume können wieder austreiben und eine vitale grüne Laubkrone bilden. Allerdings „verheilen“ die Schnittstellen bei keinem Baum, sondern überwachsen nur – sofern der im äußeren Stammbereich befindlichen dünne Kambiumring nicht beschädigt worden ist. Das ist der einzige Bereich, in dem neue Zellen gebildet werden. Diese werden dann sozusagen von außen an den Baum gesetzt und bilden den nächsten Jahrring. Der Baum wird dicker. Die Zellen vom Kambiumbereich zur Stammmitte, die schon vor dem Schnitt vorhanden waren, „heilen“ jedoch nicht. Sie sterben ab. Alles, was tot ist, wird in der Natur zersetzt. Zurück bleibt also zersetztes Holz oder gar ein Loch.

Sehr schön wird das in Alex Shigos „Baumschnitt“ erklärt. Das Bild rechts zeigt es deutlich: Nur der äußere Bereich lebt, das Innere ist abgestorben und zersetzt. Die Neutriebe kommen lediglich aus dem äußeren, lebenden Zellbereich. Sie kleben sozusagen außen am dicken Stamm. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass diese neuen „Klebeäste“ sehr ausbruchgefährdet sind. Bäume, die also nur noch aus solchen sekundären „Klebeästen“ bestehen, müssen ständig nachbehandelt werden. Denn die Äste müssen, bevor sie zu lang und zu schwer werden und ausbrechen, wieder zurückgeschnitten werden. Die betroffenen Bäume werden hohl und dadurch zusätzlich instabil.

Solche Schnittmaßnahmen schädigen den Baum und verkürzen die Lebenszeit. Das wird von den meisten Menschen nicht als Problem wahrgenommen. Der Baum schreit schließlich nicht und grüne Blätter hat er oft noch (aus Menschensicht) viele Jahre nach solchen Schädigungen. Bäume sterben langsam.

Wir Menschen nehmen das leider nicht wahr und verwechseln das mit natürlicher Alterung, die vielleicht den Baum noch gestalterisch spannend macht. Für die Tier- und Pflanzenwelt sind solche Bäume tatsächlich interessant. Man könnte versucht sein, das sogar als Förderung von Naturschutz zu betrachten. Im einen oder anderen Fall kann ich mir das auch durchaus vorstellen – allerdings nicht bei Weiden an Straßen und auf Parkplätzen!

Mein Fazit und meine Einschätzung der Maßnahme

Die Erklärung des Bauhofleiters ist für mich vollkommen nachvollziehbar, bis auf den Satz:

„Dies ist eine anerkannte Methode im Garten- und Landschaftsbau, speziell bei Weiden, die auch zum richtigen Zeitpunkt und fachgerecht ausgeführt wurde.“

Dieser Satz ist falsch und unsachgemäß! Denn wie oben erläutert handelt es sich bei der durchgeführten Maßnahme nicht um einen Kopfbaumschnitt, sondern um eine Kappung.

Am besten setzen Sie sich mit den kritischen Anwohnern, dem Bauhofleiter und dem Bürgermeister zusammen, ziehen Fachleute hinzu und überlegen Planung und Neuanpflanzung gemeinsam. Die künftigen Bäume begrüßen sicherlich eine einvernehmliche Entscheidung. Bäume mögen langfristige Planungen.

Maßnahmen

Will man (wollen Sie oder die Stadt) Weiden in der Straße behalten, sollte erst darüber nachgedacht werden, welche Ansprüche an den Baum gestellt werden (hoher Baum, Pflegeaufwand etc.). Dementsprechend wählt man eine geeignete Weiden-Art aus. Die Erziehungsform muss frühzeitig festgelegt (Kopfbaum oder frei wachsender Baum) und die Maßnahmen entsprechend früh eingeleitet werden (zum Beispiel Kopfbaumerziehung). Diese Entscheidung kann nicht alle paar Jahre geändert werden. Der Baum ist kein Werkstück oder bloßes Stück Holz. Man kann ihn nicht nach Belieben immer wieder umgestalten – je nachdem, wie den Anwohnern gerade zumute ist.

Alternative

Andere Bäume pflanzen, die die gewünschten Eigenschaften und das gewünschte Erscheinungsbild von Natur aus eher erfüllen. Dann allerdings wäre zu überlegen, ob man die Straße nicht umbenennt. Ob sich wohl Anwohner und Bürgermeisteramt beim Umbenennen von Straßen ebenso leicht überreden lassen wie bei der Umerziehung der Weiden?

Der Autor: Johannes Bilharz

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