Ein Ast des Rotdorns mit Blüten an einem Mistel-Baum

Die Frage:

Warum wächst ein fremder Ast aus dem Baumstamm?

In meinem Garten steht eine Mispel. Sie steht dort schon einige Zeit und ist gut gewachsen. Im Frühling bildete sich plötzlich ein Ast unterhalb der eigentlichen Krone. Er trägt ganz andere Blätter und blüht rosafarben.

Woher kommt dieser fremde Ast und um welche Pflanze handelt es sich?

Die Antwort:

Der Rotdorn setzt sich durch

Dem Foto nach zu urteilen, wurde Ihre Mispel (Mespilus germanica) auf einem Rotdorn (Crataegus laevigata ‚Paul’s Scarlet‘) veredelt. Das bedeutet, dass der Gärtner einige Zweige der Mispel in den Stamm eines bereits groß gewachsenen Rotdorns aufgepfropfte. Nun wächst jedoch ein Ast aus der Unterlage, also dem Rotdorn heraus. Dies passiert beispielsweise, wenn äußere Umstände schlafende Knospen unterhalb der Veredelungsstelle anregen auszutreiben. Bei manchen Arten passiert dies seltener, bei manchen häufiger. Der Rotdorn gehört wie die Mispel zu den Kernobstgewächsen (Pyrinae), dennoch sehen seine Blätter und Blüten gänzlich anders aus. Verständlich, dass das Phänomen den Betrachter verwundert.

Wie Veredeln funktioniert

Als Veredeln bezeichnen Gärtner die Kunst, zwei Baumarten miteinander zu verbinden. Die eine Art liefert die Wurzeln und teilweise den Stamm, die andere Art den oberen Stammteil und die Krone. In diesem Fall wurde die Mispel auf Wurzeln und Stamm des Rotdorns veredelt. Die Mispel verbindet ihr Kambium – eine teilungsaktive Zellschicht der Baumrinde – mit dem des Rotdorns. Dadurch wachsen beide zusammen und teilen sich einen Körper.

Das Wurzelwerk des Rotdorns versorgt die Mispel mit Wasser und Nährstoffen. Diese bildet in den Blättern durch Photosynthese Zuckerverbindungen und leitet diese zurück zu den Wurzeln. Die beiden Pflanzen handeln, als wären sie ein einziger Organismus. Je näher die Arten verwandt sind, desto leichter lassen sie sich veredeln. Durch das enge Verwandschaftsverhältnis von Mispel und Rotdorn ist diese Voraussetzung erfüllt.

Der Ast wächst unter der Veredelung aus dem Stamm.

Mispelbaum mit blütenbehangenem Rotdorn-Ast

Wann macht Veredeln Sinn?

Die Kunst des Veredelns kommt aus dem Obstbau. Ursprünglich war die Idee dahinter, wohlschmeckende Sorten genetisch unverändert zu erhalten . Dazu veredelten die Obstbauern den Reis der Sorte auf eine andere Unterlage. Das Genmaterial der Früchte blieb somit gleich und wir können noch heute Apfelsorten wie die Goldparmäne oder die Graue Französische Renette anbauen und verarbeiten.

Ein weiterer Vorteil des Veredelns ergibt sich dadurch, dass die Wurzelunterlage frei wählbar ist. Es ist damit möglich, dieselbe Apfelsorte auf schnell oder langsam wachsenden Unterlagen zu Veredeln. Je nach Unterlage entwickelt sich ein großer, prächtiger Streuobstbaum, oder ein kleiner, platzsparender Gartenobstbaum. Gleichzeitig ist der Zeitpunkt der ersten Fruchtreife und die Lebenserwartung der Obstbäume bestimmbar.

Langsam wachsende Unterlagen sorgen dafür, dass junge Obstbäume bereits ab dem dritten Standjahr Äpfel tragen und wenig Pflege brauchen. Schnell wachsende Sorten dagegen haben eine höhere Lebenserwartung. Die Veredelung oder auch Pfropfung bietet somit neben der Züchtung die Möglichkeit, Obstbäume zu gewinnen, die optimal für unterschiedliche Zielsetzungen geeignet sind.

Veredeln von Hochstämmen

In Ihrem Fall handelt es sich zwar um einen Obstbaum, jedoch um eine alte und in Vergessenheit geratene Art – die Mispel. Auch sie bringt schmackhafte und gesunde Früchte hervor, besitzt jedoch nicht die Sortenvielfalt von Apfel- oder Birnbäumen. Das Veredeln Ihres Baumes hatte deshalb auch einen anderen Zweck. Hier geht es nicht um Fruchtqualität oder Lebensdauer, sondern um die Baumform. Die Mispel so zu erziehen, dass sie einen geraden, starken und unverzweigten Hochstamm bildet, ist nur mit Glück und hoher Anstrengung möglich.

Der Rotdorn dagegen bildet von sich aus einen geraden Stamm aus. Da er zudem recht klein bleibt, eignet er sich hervorragend als Unterlage für Hochstämme im Garten. Auf ihn lässt sich propfen, ohne dass die eigentliche Baumart langwierig in die richtige Form gebracht werden muss. Sie muss nur noch die Krone bereitstellen. Die Mispel, welche als Stauch oder stark verzweigter Baum wächst, wird zum idealen Zierbaum für den Garten. Ähnlich verhält es sich mit anderen Hochstämmen wie der Kugelrobinie, dem Kugelahorn oder der Harlekinweide. Auch sie sind auf einer Unterlage mit geradem, schmalem Stamm veredelt.

Was tun mit dem fremden Ast?

Ob Sie den Ast des Rotdorns weiterwachsen lassen oder nicht bleibt Ihnen überlassen. Der Überraschungseffekt ist sicherlich gegeben und die rosarote Blütenfülle des Rotdorns ist ein wahrer Augeschmaus. Der Ast wird voraussichtlich jährlich blühen und eventuell Früchte bringen. Soll der Ast weichen, ist das kein Problem. Schneiden Sie den Rotdornast auf Astring am Stamm ab. Je früher, desto besser, denn dann ist die Wunde durch den Schnitt klein.

Entscheiden Sie sich dazu, den Ast am Stamm zu belassen, gibt es eine Sache zu beachten: Schauen Sie, dass der Ast nicht übermächtig wird. Oft hat die Unterlage mehr Kraft als die veredelte Baumart und kann diese überwachsen. Im schlimmsten Falle geht die Krone ein und die Unterlage wächst alleine weiter. Dies ist oft der Fall bei der Korkenzieherhasel. Die Gemeine Hasel treibt aus den Wurzelausläufen aus und überwächst die langsamer wachsende Korkenzieher-Sorte. Hier ist es wichtig, die neuen, geraden Triebe jährlich zu entfernen. Der Rotdorn ist keine schnellwüchsige Art, weshalb ich mir nicht vorstellen kann, dass er die Mispel beeinträchtigt. Der skurrile Blüten-Ast kann problemlos am Baum bleiben.

Die Autorin: Marina Winkler

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