Autor: Lutz Martens, Quelle: Wikimedia.org

Alte riesige Linde auf einem Marktplatz

Baum des Jahres 2016

Treffpunkt Dorflinde

In vielen ländlichen Regionen sind sie noch heute zu finden: Die Dorflinden. Meist auf einem zentralen Platz oder gleich neben der Gemeindeverwaltung steht eine große, alte Linde. Die Bedeutung des Baumes reduziert sich heute auf seine Schönheit oder seine kühlende Wirkung als Schattenspender. Im Gegensatz dazu waren die Dorflinden im mittelalterlichen Leben ein wichtiger Ankerpunkt der dörflichen Gemeinschaft. Die Linde – egal ob Winter- oder Sommerlinde – ist daher der wahre „Baum des Volkes“.

Zahlreiche weitere Beschreibungen wie Tanzlinde, Gerichtslinde, Kirchenlinde, Hoflinde oder Freiheitslinde zeugen von dieser kulturellen Bedeutung des Baumes. Auch in mittelalterlichen Sagen, Gedichten und Geschichten finden sich Hinweise, die auf den kulturellen Wert der Linde schließen lassen. Zudem haben über 850 Ortsnahmen in Deutschland ihren Ursprung in dem Wort Linde und über 1.000 Gasthäuser mit dem Namen „Zur Linde“ soll es zwischen Nordsee und Alpen geben.

Dorflinden als Mittelpunkt des Dorflebens

Die Linde hat eine lange Tradition als kulturell bedeutsamer Baum. Sowohl für Römer und Griechen, als auch slawische und germanische Völker war die Linde höchst bedeutsam. Bei den Germanen war sie der Göttin Freya gewidmet und stand für Liebe, Fruchtbarkeit und Schönheit. Im dörflichen Leben des Mittelalters waren Linden der zentrale Treffpunkt für Jung und Alt.

An Dorflinden fanden Trauungen und Versammlungen statt, Botschafter verkündeten wichtige Nachrichten – und die Bauern der Region trafen sich in ihrem Schatten, um wichtige Informationen oder den neusten Klatsch und Tratsch auszutauschen. Auch Verliebte verabredeten sich gern an Linden. Schon der bedeutenste mittelalterliche deutsche Lyriker und Minnesänger, Walther von der Vogelweide, berichtete von einem leidenschaftlichen Treffen unter dem Lindendach.

Feste feiern auf Tanzlinden

Auch Deutschlands größter Dichter wusste, an Dorflinden lässt es sich trefflich feiern. In „Faust. Der Tragödie erster Teil“ schrieb Johann Wolfgang von Goethe:

„Der Schäfer putzte sich zum Tanz,
Mit bunter Jacke, Band und Kranz,
Schmuck war er angezogen.
Schon um die Linde war es voll,
Und alles tanzte schon wie toll.
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
So ging der Fiedelbogen.“

In echten Tanzlinden findet der Tanz, besonders an kirchlichen Feiertagen, in der Krone statt. Um eine Linde in eine Tanzlinde zu verwandeln, bedarf es viel Zeit und Geduld. Mittels eines Gerüstes wird der unterste Astkranz über Jahre gebogen, um auf ihm später eine Holzkonstruktion zu errichten. Diese kann aus einer einfachen Tanzfläche aus Brettern bestehen oder als prächtiger Pavillon mit Bögen und kleinen Fenstern ausgebaut sein. Die Plattformen befinden sich zwischen zwei und drei Metern Höhe und sind über Treppen erreichbar.

Massive Säulen aus Stein oder Holz stützen die Äste später zusätzlich ab, um das massive Gewicht zu tragen. Je nach Größe nehmen Tanzlinden eine Handvoll Tanzpaare oder ein Dutzend und mehr samt kleiner Kapelle auf. Erst seit kürzerem gelten auch Linden als Tanzlinden, um die eine Tanzfläche auf dem Boden errichtet ist oder die Gäste auf der Wiese um den Baum tanzen.

Bekannte Tanzlinden

  • Linde Limmersdorf in Oberfranken
  • Tanzlinde Peesten in Oberfranken
  • Effelder Tanzlinde in Thüringen

An eine Linde

„Schöne Linde!
Deine Rinde
Nehm den Wunsch von meiner Hand:
Kröne mit den sanften Schatten
Diese saatbegrasten Matten,
Stehe sicher vor dem Brand!
Reißt die graue Zeit hier nieder
Deine Brüder;
Soll der Lenz diese Äst
Jedes Jahr belauben wieder
Und dich hegen wurzelfest.“

Johann Klaj (1616 – 1656)

Die Tanzfläche von Tanzlinden erstreckt sich teilweise über zwei Etagen.

Lindenbaum mit Gerüst zwischen den Zweigen

Die Wahrheit findet sich unter Gerichtslinden

Aus vielen Kulturen ist bekannt, dass es früher Pflicht war, Gerichte unter freiem Himmel abzuhalten. Um nicht ungeschützt Wind und Wetter ausgesetzt zu sein, fanden sich die Bürger zu den Tribunalen unter Bäumen ein. Linden besitzen im Glauben vieler Naturvölker eine Weissagungs- und Heilkraft. Damit waren Linden die perfekten Gerichtsbäume, da jeder, der unter ihrem Dach steht, die Wahrheit spricht. Gleichzeitig waren sie langlebig und robust. Zweimal jährlich fanden bei den Germanen Thing- oder Schrammengerichte unter Gerichtslinden statt. Das gesprochene Urteil endete meist auf „gegeben unter Linden“. Bei Femgerichten gesprochene Todesurteile vollstreckte die Gemeinschaft regelmäßig gleich unter den Gerichtslinden.

Bekannte Gerichtslinden

  • Kinikundenlinde bei Kasberg
  • Gerichtslinde in Lohfelden-Vollmarshausen
  • Linde von Staffelstein
  • Gerichtslinde in Bordesholm
  • Sommerlinde in Schenklengsfeld

Der Autor: Jan Böhm

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Quellen:

4 Kommentare

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  1. […] Kultur mit jahrhundertelanger Tradition. In früheren Zeiten verkörperte die mächtige Dorflinde die Mitte des gesellschaftlichen Lebens. Unter ihrem Schutz fanden die großen Dorffeste, die […]

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