Was sind Bäume wert?

Ein Beitrag zur Bewertung von Bäumen unter Berücksichtigung ihrer gesamten Leistungsbilanz:

Bäume, die im städtischen Umfeld gepflanzt werden und dort ihr Dasein fristen müssen, sehen sich oft beklagenswerten Situationen gegenüber. Zusätzlich herrschen starke wirtschaftliche Zwänge bei zugleich immer höher werdenden Anforderungen, die an Baumpflanzungen im urbanen Raum gestellt werden. Deshalb benötigen unsere Straßenbäume mehr denn je unsere Unterstützung. Leider ist die Gepflogenheit, Bäumen im Straßenraum die geringste Priorität einzuräumen, weit verbreitet. Dabei wäre eine Auseinandersetzung mit dem Lebewesen Baum als gleichberechtigtes „städtebauliches“ Element dringend notwendig.

Straßenbaum auf Kostenfaktor reduziert

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich ein Straßenbaum (Corylus colurna) sehr weit in Richtung „Kostenfaktor“ drängen lässt.

Frederic Vester gelang mit seiner Veröffentlichung „Ein Baum ist mehr als ein Baum“ im Jahr 1985 eine nicht nur überaus anschauliche, sondern zudem umfassende Darstellung des Werts eines Baums. Hier werden die verschiedenen Leistungen eines Gehölz nicht nur in ökologischer Hinsicht geschickt miteinander vernetzt, sondern auch in absoluten und monetären Werten angegeben. So entsteht ein belastbarer Baumwert. Dieser Ansatz, dessen biologische, ökologische und ökonomische Grundlagen stets aktuell bleiben, ist bislang einzigartig.

In der Öffentlichkeitsarbeit für das urbane Grün hat es in Deutschland bis heute noch keinen entscheidenden Durchbruch gegeben. Ein begrüntes Wohnumfeld wird zwar gewünscht, der Nutzen von Bäumen wird aber nicht anhand ihrer gesamten Leistungsbilanz bemessen. Die fehlende Möglichkeit, diese wirtschaftlich darzustellen, führt zu einer überdeutlichen Hervorhebung des Kostenfaktors. Der Wert eines Baums lässt sich unterschiedlich abbilden. Er lässt sich keinesfalls allein auf dessen Herstellungs- und Unterhaltungskosten oder seine „Wohlfahrtswirkungen“ beschränken. Er kann auch als bezifferbarer ökonomischer Gewinn angegeben werden.

Der Sachwert eines Baums

Zur Bemessung des Geldwerts eines Baums (Baumwertermittlung) hat sich im deutschsprachigen Raum die Methode Koch etabliert. Sie kommt v. a. bei Schadenersatz und Entschädigungen zum Tragen und ist somit eine rein ökonomisch orientierte Bewertung. Bei dieser Wertermittlung wird zwar ganz bewusst die Funktion eines Baums berücksichtigt, nicht aber dessen darüber hinaus reichende, ökologische Leistungen. Diese Aspekte werden auch in ähnlichen Systemen (u. a. ZierH 2000 (D), VSSG-Richtlinie (CH), Methode Raad (NL)) nicht eingehender diskutiert. Diese Art der Ermittlung ist pragmatisch, stellt den Wert eines Baums aber nur ausschnittsweise dar.

Falsch behandelte Tulpenbäume

Diese Tulpenbäume können wegen der beengten Verhältnisse und der „speziellen Schnitttechnik“ ihre ökol. und klimarel. Funktionen nicht übernehmen.

Platanen erfüllen zahlreiche Funktionen

Diese Platanen beschatten während der Sommermonate darunter parkende Fahrzeuge und wirken mit ihren mächtigen Kronen einer Aufheizung der Innenräume sehr effektiv entgegen.

Die Wirkungen eines Baums

Die vielfältigen psychologischen und soziologischen Wirkungen von Bäumen auf die Stadtbewohner sind zahlreich untersucht und wissenschaftlich belegt worden. Sie werden als „Wohlfahrtswirkungen“ bezeichnet. Darunter werden sämtliche Effekte verstanden, die eine nachweisliche Wirksamkeit beim Menschen erzielen. Im Fokus steht das Naturerlebnis und dessen zahlreiche Auswirkungen. Auch hier wird nur eine bestimmte Funktion von Gehölzen hervorgehoben. Ihre darüber hinaus reichenden Leistungen bleiben ebenfalls außen vor.

Der Begriff „Wohlfahrtswirkungen“ ist nur unscharf definiert und nicht ganz passend. Es ist grundsätzlich zwar plausibel, was darunter zu verstehen ist. Der Ausdruck ist bei der finanziellen Bewertung von Bäumen jedoch kaum verwertbar. Deshalb sollte der Begriff um die ökonomischen Aspekte, die sich aus den weiteren Lebensleistungen der Bäume ergeben, ergänzt werden. Das führt nicht nur dazu, den Nutzen grüner Infrastruktur stärker anzuerkennen, sondern wird der Ermittlung eines angemessenen Baumwerts überhaupt erst gerecht.

Ausgewählte Beispiele für klimarelevante Leistungen von Bäumen

Speicherung von Kohlenstoffdioxid

Der Stoff aus dem Bäume sind

Der Stoff aus dem Bäume sind: Während der Photosynthese wird CO2 gespalten, Kohlenstoff in Biomasse überführt und Sauerstoff freigesetzt.

Je mehr Biomasse ein Baum produziert, desto mehr Kohlenstoffdioxid entzieht dieser der Atmosphäre. Dadurch kommt es zu einer Verringerung dieses klimaschädlichen Gases. Schätzungen zu Folge werden jährlich etwa 220 Mio. Tonnen – rund ein Viertel der bundesweit anfallenden Kohlenstoffdioxid-Emissionen – allein in unseren Wäldern gebunden. Eine finanzielle Bewertung dieser Leistung ist möglich, wenn man sie den Kosten für technische Verfahren, die ähnliches leisten, gegenüberstellt.

In einer ausgewachsenen Rotbuche sind etwa 600 Kilogramm Trockenmasse gespeichert, die eine Tonne CO2 bindet. Die Kosten zur technischen Abscheidung von Kohlenstoffdioxid bei Kraftwerken werden mit bis zu 50 € pro Tonne angegeben. Bei einer Gegenüberstellung der technischen zur natürlichen Variante, sollte auch bedacht werden, dass bei der technischen weitere Kosten für Transport, Einlagerung u. ä. des abgeschiedenen CO2 hinzukommen. Es existieren aktuell außerdem keine vergleichbaren Verfahren für „mobile Verbrennungsmotoren“ aus dem KFZ-/LKW-, Bahn-, Flug und Schiffsverkehr sowie den Befeuerungsanlagen von Gebäuden. Neben den rein finanziellen Aspekten müssen daher Umsetzbarkeit, Effizienz und Nachhaltigkeit beider Varianten beim Vergleich berücksichtigt werden.

Erzeugung von Verdunstungskälte und Beschattung

Überhitzung baumloser Straßen

Baumlose Straßen absorbieren tagsüber Strahlung und heizen die Umgebung nachts auf, indem sie die Wärme wieder abgeben.

Pflanzungen im urbanen Umfeld beeinflussen den Wasser- und Energiehaushalt positiv. Bäume nutzen das Wasserangebot: Sie überführen Teile davon in Gas und verändern durch Verdunstung und Freisetzung von Wasserdampf (Transpiration) die klimatischen Bedingungen an ihrem Standort. Die jährliche Kühlleistung eines einzelnen ausgewachsenen Zucker-Ahorns liegt bei durchschnittlich 10.000–17.000 Watt.

Außerdem verhindern Bäume sehr wirkungsvoll, dass die Bereiche unter ihrer Krone sich aufheizen. Die Temperaturunterschiede zwischen von Bäumen beschatteten und umliegenden besonnten Flächen können bis zu 20° C betragen. Dadurch kann die Lufttemperatur um bis zu 8° C kälter werden. Dieser Abkühlungseffekt ist, insbesondere bei Stadtwäldern, bis weit in darüber hinaus liegende Bereiche messbar. Fakt ist also, dass Bäume der gegenwärtig stattfindenden, immer stärkeren Überhitzung der Städte entgegen wirken. Daher sollte der Wert eines Baums auch den finanziellen Gegenwert zu einer vergleichbar wirksamen, technischen Kühlungsmaßnahme beinhalten.

Verzögerung des Regenwasserabflusses

Standortsanierung

Standortsanierung mit einem grobporigen Substrat (Bildvordergrund). Lässt man die Fugen der Baumscheibe unversiegelt, entsteht zugleich eine effektiv wirksame Rigole.

Wasserwirtschaftlich sind sowohl das Retentionsvermögen des Standortes als auch dessen Filterkapazitäten von Interesse. Beide Eigenschaften werden innerhalb kürzester Zeit durch eine intensive Durchwurzelung verbessert: Sowohl der Durchlässigkeitsbeiwert (kf-Wert) ehemals kompakter Böden wird erhöht, wie auch die Qualität der Niederschlagsabflüsse von Verkehrsflächen aufgewertet, da die Wurzeln Teile der darin enthaltenen Nährstoffe und Schwermetalle aufnehmen. Gleichzeitig fördern gute Bodeneigenschaften und ein ausreichend groß dimensioniertes durchwurzelbares Bodenvolumen die Entwicklung der darin wachsenden Bäume.

Die Anlage von entsprechenden Baumstandorten, die mühelos auch unter Einhaltung aller straßenbautechnischer Anforderungen durchgeführt werden kann, stellt somit eine durchweg geeignete und nachhaltig wirksame Maßnahme im Sinne aktueller Klimaanpassungsstrategien für Städte und Ballungsräume dar.

Softwarebasierte Lösungsansätze am Beispiel von i-Tree

Die Schwierigkeiten zur exakten Bezifferung der Leistungen, die über den Sach- und Holzwert sowie die „Wohlfahrtswirkungen“ eines Baums hinaus reichen, sollten nicht dazu führen, dass diese bei der Bemessung des Baumwerts einfach übersehen werden. Die Tatsache, dass die Lebensleistung jedes einzelnen Baums von zahlreichen biotischen und abiotischen Faktoren abhängt, sollte ebenfalls keinen Hinderungsgrund darstellen, diese in Zukunft angemessen zu berücksichtigen.

Das softwarebasierte Bewertungsverfahren i-Tree ist ein praxiserprobtes und frei verfügbares Werkzeug, das die ökologischen Leistungen von Bäumen explizit berücksichtigt. Die Erfahrungen aus Nordamerika zeigen, dass die Öffentlichkeitsarbeit für das urbane Grün damit auf ein bis dahin nicht erreichbares Niveau angehoben werden konnte. Es ist wenig verständlich, warum es bislang kaum Resonanz auf Seiten europäischer Baumfachleute gab.

Schlussbetrachtung

Die ausgewählten Beispiele zeigen nur einen Ausschnitt des umfangreichen Leistungsspektrums von Bäumen. Weitere wichtige ökologische und klimarelevante Aspekte – wie die ausgeprägte und ebenfalls monetär bewertbare Filterleistung von Bäumen (Feinstaubreduktion) oder ihre Funktion als Sauerstoffproduzenten – wurden hier nicht angesprochen. Sie müssen bei der zukünftigen Diskussion über den Wert von Bäumen jedoch unbedingt Berücksichtigung finden. Unter jedem Gesichtspunkt ergeben sich dabei auch Überschneidungen mit anderen Bereichen, so dass die Notwendigkeit von Baumpflanzungen v. a. dann überdeutlich hervortritt, wenn wir die ökologischen und ökonomischen Auswirkungen der Alternativen hierzu bedenken.

Die systematische Zusammenführung der Lebensleistungen von Bäumen und deren finanzielle Bewertung ist nicht einfach und mit Unsicherheiten behaftet. Diese bestehen jedoch als Variationen in allen Bemessungssystemen und können trotzdem berücksichtigt werden. Die Existenz eines umfassend bewertenden und praxistauglichen Verfahrens zeigt, dass es möglich ist, ein solches System zur Steigerung der Wertschätzung von Bäumen einzusetzen. Die detaillierte Betrachtung der Leistungen von Bäumen zeigt darüber hinaus, dass sie über ein enormes Potenzial verfügen, das wir mit Blick auf die aktuelle Praxis von Baumpflanzungen im Straßenraum nicht annähernd ausschöpfen.

Literatur:

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• Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) 2010: Handbuch Stadtklima. Maßnahmen und Handlungskonzepte für Städte und Ballungsräume zur Anpassung an den Klimawandel. Essen
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• VSSG – Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (Hrsg.) (2006): Richtlinien zur Berechnung von Baumschädigungen. VSSG, Kilchberg (CH)
• Vester, F. (1985): Ein Baum ist mehr als ein Baum. Kösel, München

Gekürzte Fassung, Originalartikel aus bi-GaLaBau 08/14, S.36ff, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung

Der Autor: Markus Streckenbach, Sachverständigenbüro für urbane Vegetation

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