Schnittzeit von Bäumen – Eine Diskussion

Schnittzeit von Bäumen – Eine Diskussion

Das Thema Schnittzeit ist eines der Top-Themen bei Gartenbesitzern. Und es gibt kaum eines, das so viel Expertenrat bereithält. Jedes Gartenmagazin veröffentlicht unzählige Tipps zu allen möglichen Ziersträuchern, besonders zu Rosen. In jedem Buch über Gartenpraxis wird es behandelt. Also, eigentlich kein Problem, oder? Oh doch!

Anfang der 80er-Jahre wurden in Europa die Forschungsarbeiten von Alex Shigo bekannt. Sie brachten Erkenntnisse darüber, wie Bäume mit Verletzungen und Wunden umgehen und sich gegen Schäden schützen. Wundkallusbildung und Abschottung rückten in das Bewusstsein der Forscher. Man entdeckte, wie sich Bäume gegen Pilze und andere Schadorganismen schützen.Es zeigte sich, dass es für einen schonenden Baumschnitt sehr wichtig ist, wie man diesen ansetzt. Auch die richtige Schnittführung muss beachtet werden, um die Folgeschäden für den Baum möglichst gering zu halten.

Auch der Zeitpunkt der Verletzung wurde genauer untersucht. Man kam hier zu dem Schluss, die Vegetationszeit (vom Blattaustrieb bis zum Blattfall) als Schnittzeit auszugeben, weil Wundkallusbildung und Abschottung während dieser am aktivsten sind. Doch hier hat man die Untersuchungen zu nachlässig und einseitig interpretiert. Die Vegetationszeit ist nicht pauschal die beste Schnittzeit. Leider fand diese Ansicht aber viel zu schnell Eingang in alle Baumpflege-Lehrbücher. Sogar in die ZTV-Baumpflege, die als Definitionsbibel der Fachwelt gilt und die Grundlage für öffentliche Ausschreibungen für Baumpflege ist. Aber auch Berufsverbände und Arbeitsgruppen klärten die Bevölkerung mit Infobroschüren falsch auf. Das ging und geht noch immer soweit, dass selbst für Ziersträucher, Obst- und Kopfbäume plötzlich empfohlen wird, während der Vegetationszeit zu schneiden.

So einfach ist es jedoch nicht. Hier wird zu stark verallgemeinert, ohne Rücksicht auf das Ziel – und nicht zuletzt ohne Berücksichtigung vieler weiterer Faktoren wie Baumart, -alter und -zustand. Wie so oft wird in der Wissenschaft ein Detail isoliert von allen anderen Einflüssen untersucht. Wissenschaftler und/oder Fachwelt sind stolz auf ihre Ergebnisse und neuen Erkenntnisse, leiten daraus allgemeingültige Richtlinien ab und vergessen dabei aber, dass sie nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit untersucht haben.

Die Schnittzeit von Bäumen spielt seither in den Baumpflege-Fachbüchern sträflicherweise nur noch eine untergeordnete Rolle, da alles klar zu sein scheint: Solange man während der Vegetation schneidet, kann man nichts falsch machen. Dass dem nicht so ist, zeigen zwei Artikel im Kletterblatt 2012 und im Kletterblatt 2013. Unvorstellbar, dass alles ignoriert wird, was man vorher bereits gelernt und gelehrt hat. So wird komplett außer Acht gelassen, dass sich im Baum während des gesamten Vegetationszyklus die physiologische Situation ständig ändert. Deshalb ist es eben nicht egal, wann geschnitten wird. Die Wirkung des Schnittes ist je nach physiologischer Situation nämlich immer eine andere.

Auch wird gerne vergessen, dass junge Bäume anders funktionieren als ältere Bäume. Nicht nur beim Menschen, sondern überall in der Natur überwiegen bei jungen Organismen die anabolen Prozesse (aufbauend) und bei älteren die katabolen (abbauend). Es wurde außerdem unterschlagen, dass Reservestoffe eine entscheidende Rolle spielen.

Was ist nun aber die richtige Schnittzeit für den Baum?

Schnitt stört und verletzt immer. Sommer und Spätsommer sind in den meisten Fällen ein eher ungünstiger Schnittzeitpunkt. Der Baum lagert in dieser Zeit Reservestoffe für den Winter ein. Diese benötigt er, weil keine Blätter mehr vorhanden sind, die sonst für die Atmungsenergie sorgen. Reservestoffe sind außerdem wichtig für die Frosthärte und für Wurzeln und Knospen, die in der Winterzeit ihr Wachstum nicht einstellen. Außerdem garantieren sie einen gesunden Neuaustrieb im Frühjahr. Schnitt in der frühen, blattlosen Phase (Winterbeginn) ist in der Tendenz ebenfalls eher ein ungünstiger Zeitpunkt. Bezüglich der Reservestoffe wäre ein zu dieser Zeit zwar zu empfehlen, weil sie geschützt im dicken Holz (dicke Äste, Stamm und Wurzeln) sitzen. Der Schnitt in der Peripherie im Feinastbereich schont also die Reservestoffe. Der Baum reagiert aber zu dieser Zeit auf Verletzungen nur sehr langsam. Deshalb trocknen die ungeschützten Zellen um die Schnittstelle nach und nach zurück und sterben ab. Rücktrocknungen (Nekrosen) sind bei frühem Winterschnitt ausgeprägter, da sie den restlichen Winter über gedeihen können.

Letztlich ist der richtige Zeitpunkt aber immer eine Frage der Zielsetzung und der Stärke des Schnitteingriffs. Welche langfristigen Auswirkungen Maßnahmen zu verschiedenen Schnittzeiten haben, hat so noch niemand systematisch untersucht. Es gibt dahingehendaber Erfahrungswerte – gerade auch aus dem Obstbau.

In Bezug auf die Schnittzeit gibt es neben den baumeigenen Reaktionen natürlich auch externe Vorgaben, die beachtet werden müssen, wie z. B. das Bundesnaturschutzgesetz, das Schnittmaßnahmen in bestimmten Zeiträumen untersagt. Der Baum ist nur ein schützenswerter Organismus unter vielen. Welcher letztendlich Priorität hat, bestimmt der Mensch, bzw. die stärkste Lobby (bei sogenannten politischen Entscheidungen).

 

Der Autor: Johannes Bilharz (E-Mail)

 

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